You are on Érudit's new platform. Enjoy! Switch to classic view

Entfernter ErfahrungsraumÜberlegungen zu West-Berlin und 1989

  • Krijn Thijs

…more information

  • Krijn Thijs
    Duitsland Instituut Amsterdam, Universiteit van Amsterdam
    k.thijs@uva.nl

Article body

„Die Mauer ist offen.“

„Ach du Scheiße.“

Kneipengespräch, Herr Lehmann [1]

Zwanzig Jahre danach – wer die fachhistorischen Publikationen der beiden deutschen Jubiläumsjahre 2009 und 2010 zu überblicken versucht, wird feststellen, dass darin der zentrale Ort des Geschehens, nämlich die Grenz- und Mauerstadt Berlin, nur sehr einseitig präsent ist. Es ist Ost-Berlin, auf das unser Blick im Regelfall fokussiert, und vom anliegenden West-Berlin erfährt man wenig. Das ist kaum verwunderlich. Das Ende des sozialistischen Zukunftsprojekts, die Auflösung der SED-Macht, der Zettel von Schabowski, der Ansturm auf die Mauer – alles das fand in der DDR statt, in ihrer implodierenden Hauptstadt und teilweise mehr noch in der heruntergewirtschafteten Provinz. Die große Geschichte wurde an anderen Orten gemacht – zunächst in Gdansk, Moskau, Ungarn, Leipzig, Prag, Ost-Berlin und Dresden. Im Herbst 1989 fand West-Berlin kaum statt.

Auch unsere Erzählungen über den anschließenden Prozess der deutschen Vereinigung im Jahr 1990 führen uns an viele Orte der sich auflösenden bipolaren Welt, nur nicht nach West-Berlin: Verhandlungen und Gipfeldiplomatie in Bonn, Moskau, Washington, Paris, London, Warschau, Ost-Berlin und dem Kaukasus. Was war nun mit der „freien“ Insel im „roten“ Meer, der ehemaligen „Frontstadt,“ dem „Schaufenster des Westens,“ das doch als Pfand der Einheit und als Hebel einer Wiedervereinigung vom Westen immer beibehalten worden war? Im moment suprême, so scheint es, wehte der Mantel der Geschichte an West-Berlin vorbei.

Oder doch nicht? Denn schließlich war die ummauerte Insel des Westens das erste Ziel aller ostdeutschen Ausreisenden. Als Objekt der Begierde wurde das kleine West-Berlin von Ostdeutschen überschwemmt, nachdem diese die Mauer eingedrückt hatten. Am ersten Wochenende kamen etwa zwei Millionen Menschen in die Stadt – eine glatte Verdoppelung der West-Berliner Einwohnerzahl. Die dramatischen Szenen der „flutenden Massen“ an zwischenstädtischen Grenzübergangsstellen führten zum finalen Legitimitätsverlust des DDR-Staates. Ohne West-Berlin hätte es diese Szenen so nicht gegeben – denn die Wiesen und Wälder der innerdeutschen Grenze luden nicht wie der Kurfürstendamm zum freudetaumelnden und mit Sekt besprühten Trabbi-Korso ein. Also: ohne West-Berlin kein 9. November 1989.

Und dennoch. Auch in dieser Erzählform findet West-Berlin kaum statt. Die „Insel“ bleibt passiver Zielort in einer aus ostdeutscher Perspektive erzählten Geschichte des Mauerfalls. West-Berlin ist bloß Bühne und Dekor, es gibt den Ku’damm und das klatschende Publikum für die ostdeutsche Selbstbefreiung her. Später liefert es in Form seines Regierenden Bürgermeisters auch den Gastgeber für die symbolischen Grenzüberschreitungen namhafter Bundespolitiker und am Ende der Erzählung noch den Reichstag als Kulisse der Einheitsfeier.

Dementsprechend fehlen in der neueren Literatur zum Mauerfall und zum Einheitsprozess West-Berliner Handlungen und Perspektiven in auffälliger Weise. So fehlt in Klaus-Dietmar Henkes breit angelegtem Sammelband bezeichnenderweise ein Beitrag zu West-Berlin. [2] Jüngere Gesamtdarstellungen verlegen oft ihren Blick von der West-Berliner Freudennacht schleunigst wieder zurück auf Ost-Berlin und dann auf Bonn. [3] Sogar in der bislang einzigen Gesamtgeschichte West-Berlins, letztes Jahr von Wilfried Rott vorgelegt, werden die ansonsten konsequent verfolgten West-Berliner Erfahrungsräume ab November 1989 auf einmal durch die auf den 3. Oktober ausgerichtete Meistererzählung der nationalen Wiedervereinigung kolonisiert. [4] Das Eigenleben im Biotop scheint plötzlich nicht mehr interessant: Aus West-Berliner Warte bleibt diese Geschichte größtenteils unerzählt. [5]

Auffällig ist dies insofern, als das mitten in der DDR liegende West-Berlin über eine einmalige westliche Nahsicht auf die turbulenten Ereignisse im ostdeutschen Umbruchsgebiet verfügte. Dazu gehörten auch die kürzesten Verbindungen zu allerlei Geschehnissen und Akteuren des ostdeutschen „Endspiels“ (Kowalczuk). Bis tief in den Herbst 1989 hinein fanden hier abtastende Begegnungen zwischen den noch getrennten Blockwelten statt. Hier musste die liberaldemokratische Gesellschaftsordnung in kürzester Distanz auf die Veränderungen im Osten reagieren; hier mussten westliche Politiker den plötzlichen Erdrutsch sowohl praktisch als auch theoretisch im engsten Zeitrahmen bewältigen, und hier mussten dann die epochemachenden Veränderungen durch den Mauerfall auch in die alltäglichen Lebenswelten der eben noch abgeschirmten Stadtkommune eingeordnet und entschärft werden.

Zur Verführungskraft des nahezu unerforschten West-Berliner Blicks gehört überdies die Vermutung, dass die Haltungen und Erfahrungen der West-Berliner sich in erheblichem Maße von denen der Westdeutschen unterschieden haben dürften. Denn die politische Kultur der Insel hatte sich im Laufe der 1970er und 1980er Jahre erheblich von der ihres bundesdeutschen Festlandes emanzipiert. Gerade die Wochen der unerwarteten Grenzöffnung und Neuorientierung versprechen somit nähere Aufschlüsse über den politisch-kulturellen Raum West-Berlins und damit über eine eigenständige Deutungswelt mit ihren eigenen Handlungszwängen und-logiken: an sehr prominenter Stelle asymmetrisch angesiedelt zwischen Ost und West, gedanklich-politisch näher an der Bundesrepublik, geographisch-perspektivisch näher an Ost-Berlin. Umso unbegreiflicher scheint es daher, dass die Frage nach West-Berlin in der reichen historischen Forschung zum „deutschen Jahr 1989“ (Wirsching) bislang so noch kaum gestellt wurde. Nur West-Berliner Nostalgiker beklagen seit einiger Zeit das „Vergessen“ der Inselstadt in der gesamtdeutschen Erinnerungslandschaft und produzieren entweder verklärend-romantische Titel des Genres „Westalgie“ oder anekdotenhafte Merkwürdigkeiten der Sorte Spiegel-Einestages. [6]

Im diesem Aufsatz werde ich anhand der bisher veröffentlichten Literatur die West-Berliner Blicke auf das Jahr 1989 verfolgen. Konform mit vielen Selbst- und Fremdzuschreibungen, zeitgenössischen wie rückblickenden, werde ich West-Berlin dabei als eigenständigen Erfahrungsraum und als hybriden Grenzraum zwischen Ost- und West-Deutschland konzipieren und versuchen, Aspekte von Entfernung, Reise und Begegnung besonders herauszustellen. Zugleich hoffe ich, bei der Verfolgung dieses Ansatzes einige mögliche Erklärungen für den Verlust der West-Berliner Perspektive sammeln zu können.

1. Wohin mit West-Berlin?

West-Berliner Politiker haben, anders als die in Bonn, keine eigenen Spuren in die Geschichte des Mauerfalls und der Vereinigung ziehen können. Die Stadt samt ihrer Führung war schwach, und vor 1989 war der Eindruck weit verbreitet, dass die historische Rolle der einstigen Frontstadt ausgespielt war. West-Berlin sei das „Abfallprodukt einer gescheiterten Politik,“ schrieb Peter Bender 1987 lakonisch, „ein zweckloses Gebilde.“ [7] In der Tat war seit der Stabilisierung seiner merkwürdigen geografischen Lage durch die Verträge der frühen 1970er Jahre in West-Berlin eine zunehmende Normalisierung eingetreten, die auf Dauer die Rationalität und Zweckmäßigkeit seiner vorgeschobenen Position mitten im sozialistischen Osten radikal in Frage stellte. Sinn und Zweck des einstigen Schaufensters [8] waren mit der Befestigung der Teilung fragwürdig geworden, und das Selbstverständnis der Enklave war von immer mehr Fragezeichen umgeben.

Zunehmend schrumpften die zur Schau gestellte Zukunftsfähigkeit und Leistungskraft des westlichen Gesellschaftsmodells gerade in der vermeintlichen Vorzeigekommune aufs Schmerzlichste. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Skandale und Affären lädierten nachhaltig die öffentliche Kultur und den Ruf Berlins. Selbst in der von vielen als „golden“empfundenen kurzen Ära des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker (1981-1984) war die politische und kulturelle Provinzialisierung mit Händen zu greifen. Vollständig abhängig von bundesdeutschen Subventionen, veranschaulichte das einstige Aushängeschild eher das Stagnationspotenzial als die etwaige Innovationskraft liberaldemokratischer Gesellschaftsordnungen. Wirtschaftskraft und Bevölkerungszahl sanken kontinuierlich, und nur der aufgeblähte öffentliche Dienst garantierte ein gewisses Maß an Beschäftigung. Skeptiker erkannten im einstigen Schaufenster nunmehr selbst „sozialistische, staatswirtschaftliche Züge.“ [9]

Auch deutschlandpolitisch hatte sich die Position West-Berlins seit den Deutschlandverträgen geschwächt, wenn nicht gar erübrigt. Zur großen Verärgerung der West-Berliner Eliten fanden westdeutsche Politiker den Weg in die DDR in zunehmendem Maße an West-Berlin vorbei. In den 1980er Jahren reisten Landespräsidenten nunmehr ohne West-Berliner Zwischenstopp nach Ost-Berlin. Damit wurde der Insel der letzte identifikatorische Strohhalm – ihre erhoffte Brückenfunktion – schmerzhaft entrissen. Stattdessen schienen künftige Legitimationsressourcen nur noch in freistädtischen Leitbildern zu liegen – wären da nicht realpolitisch unüberwindbare Hindernisse gewesen wie die totale Subventionsgebundenheit an West-Deutschland und die überaltert wirkende, aber dennoch peinlich genau gehandhabte Alliiertenhoheit der Franzosen, Briten und Amerikaner. Dennoch spielte man in Bonner Zukunftsszenarien für die Insel inzwischen offen mit der Idee einer „allmählichen Assimilierung mit ihrem sozialistischen Umland[10]

Anders als am Anfang der deutschen Teilung, wo Luftbrücke und Kennedybesuch symbolhistorische Weichenstellungen waren, spielte West-Berlin bei ihrem Ende kaum eine aktive Rolle. Richard von Weizsäckers Besuch in Ost-Berlin wurde 1983 noch als bedeutendes Signal gewertet – doch dies vor allem, weil man Weizsäcker hier als avisierten Bundespräsidenten und weniger als West-Berliner Regierenden beobachtete. Honeckers Gegenbesuch fand drei Jahre später, trotz vieler Bemühungen des Senats, in Bonn und nicht in West-Berlin statt. [11] Für die bundesdeutsche Regierung war die überteuerte und von drei Fremdsouveränen kontrollierte Insel längst ein „störender Annex“ (Rott) geworden, der mit seinen komplizierten Statusfragen jeden Entspannungsversuch und jeden deutsch-deutschen Vertragstext zu sprengen drohte. Auch symbolisch zehrte die Insel Ende der 1980er von Legenden. Die 750-Jahr-Feier lief auf eine krampfhafte Identitätssuche hinaus, die im urbanen Mythos der „Goldenen Zwanziger“ neues Symbolkapital jenseits deutsch-deutscher Kategorien fand. [12] Reagans Worte an der Mauer („Mr. Gorbatschow, tear down this wall!“) appellierten 1987 hauptsächlich an vergangenes Pathos aus Kennedy-Zeiten, und ansonsten beschränkten sich West-Berlins aktive Eingriffe in die große Geschichte des sinkenden Staatssozialismus auf die Veranstaltung von Rockkonzerten, deren Klänge über die Mauer wehten. [13] Die ummauerte Stadt, Zentrum des geteilten Deutschlands, lag im deutschlandpolitischen Abseits.

Dennoch entwickelte sich West-Berlin jenseits des skizzierten politisch-diplomatischen Bedeutungsverlustes in den späten 1980er Jahren zu einem hybriden Grenzraum der sich verschiebenden Fronten. Denn als sich die Krise der sozialistischen Welt zuzuspitzen begann, bekam die Insel dies sofort zu spüren. Mit der langsamen Lockerung der staatssozialistischen Grenzregime des Warschauer Paktes gab es überall in West-Berlin Flüchtlinge aus anderen Welten. Die Auffanglager waren überfüllt, und die Stadt wurde eine beliebte Anlaufstelle für osteuropäische Abenteurer, Grenzgänger und Schwarzhändler. Der hartnäckig wandernde „Polenmarkt“ beispielsweise forderte die öffentliche Ordnung West-Berlins unmittelbar heraus: Hatte man ihn am ehemaligen, peripheren Potsdamer Platz aufgelöst, so wuchs er am Rande des Tiergartens wieder nach usw. Das einstige Schaufenster des Westens verwandelte sich in ein Tor zum Osten, und auch dieses Thema ist bis heute nahezu unerforscht geblieben. [14]

Vieles weist darauf hin, dass für einen Großteil der West-Berliner die „Veränderungen im Osten“ sich bis dahin in einem separaten Paralleluniversum abspielten, das in der eigenen Erfahrungswelt, wenn überhaupt, nur wenig Bedeutung gewann. Auf der „Insel“ tickten die Uhren nun einmal anders. Schon Kohls „geistig-moralische Wende“ war in West-Berlin kaum durchsetzbar gewesen, wo linke Bürgerinitiativen die großen Museumspläne sabotierten und stattdessen NS-Gedenkstätten initiierten. Die Bonner Rhetorik über die alte Reichshauptstadt und das Zentrum der Nation, die Berlin in der Rolle als Nationalgarten der deutschen Vergangenheit zurückzulassen schien, missfiel längst nicht nur den Bürgerbewegten, Hausbesetzern und Autonomen. Bis in die regierende CDU hinein distanzierte sich so mancher Politiker, wie zum Beispiel Kohls Parteifreund Senator Volker Hassemer, vom Pathos des Kanzlers, während die Identitätsdebatten hier schon vor 1989 eher im Bereich der Stadterneuerung und der Erinnerungsorte geführt wurden, ebenso wie nach 1990 auch. [15] Die Stadt atmete in den innenstädtischen Bezirken den Geist der schwer subventionierten Off-Szene: Seit den 1970er Jahren war es in zunehmendem Maße – und ungeplanterweise – die neue Aufgabe Berlins geworden, im bundesdeutschen Rahmen „die neuen alternativen Kulturen zu integrieren, sie nicht nur als Unruheelemente, sondern als Belebung zu sehen.“ [16] Viele Berliner lebten auf ihrer Insel leicht überheblich in einer gefühlten Äquidistanz sowohl zum weit entfernten Westdeutschland mit seinen kleingeistigen Berlinbesuchern und seinem provinziellen Kanzler, als auch zur unbeliebten DDR, der man hauptsächlich in Form der sächselnden Grenzbeamten und der langen Wartezeiten im gespenstischen Transitverkehr begegnete. West-Berlin war eben „etwas anderes,“ und nationale Identität, Wiedervereinigungsgebot und Hauptstadtaspirationen waren für weite Teile der „Generation West-Berlin“ topographisch wie temporal Begriffe aus anderen Welten. [17]

Hier dürfte ein erster Grund für den Verlust der West-Berliner Perspektive in der historischen Forschungslandschaft nach 1990 liegen. Die Inselstadt hatte politisch wie gesellschaftlich eine Eigenkultur entwickelt, die in den späten 1980er Jahren stark ausgeprägt war, dann aber in kürzester Zeit als solche verschwand bzw. rasch im vereinten „Neuen Berlin“ aufging. West-Berlin existierte somit nicht, wie die neuen Bundesländer, mit erkennbarer Identität in der Nachwendezeit fort; es hatte keine Stimme in der gesamtdeutschen Erinnerungslandschaft, wurde weder angeklagt noch verteidigt. Die Merkwürdigkeiten etwa des Transitverkehrs oder der Kreuzberger Szene reichten für das Raritätenkabinett des geteilten Deutschlands, nicht aber für eine fortlebende Vertretung in den Geschichtsdebatten nach 1990. Der eigenartige Beobachtungsstandpunkt „West-Berlin“ ging nach 1990 verloren, auch in der Historiographie.

2. West-Berlin und 1989

Die Verortung des späteren West-Berlins ist in der deutschen Nachkriegsgeschichte von Fachhistorikern also bislang weitgehend undiskutiert geblieben. [18] Wie öfter in solchen Fällen bietet die Literatur Abhilfe: Das explosive Potenzial des Themas, gerade im Hinblick auf den November 1989, veranschaulicht zum Beispiel Sven Regeners Erfolgsroman Herr Lehmann, dessen West-Berliner Protagonist den Fall der Mauer nur im Vorbeigehen registriert. („Was soll das überhaupt heißen, die Mauer ist offen.“ [19]) Die West-Berliner Nischenwelt sollte nach dem November 1989 durch die unvermeidbaren Veränderungen einem umfassenden Praxistest ausgesetzt werden, der politisch vielleicht noch am ehesten an dem Schicksal der übrigens zu dieser Zeit regierungsverantwortlichen Alternativen Liste (AL) zu studieren wäre. Weil aber für eine solche West-Berliner Erfahrungsgeschichte des 9. November bislang kaum historische Vorstudien vorhanden sind, beschränke ich mich im Folgenden auf die besser dokumentierte politische Bühne West-Berlins und versuche, den Ertrag eines Perspektivenwechsels mithilfe eines bekannten Beispiels auszuloten: der Schöneberger Katerstimmung am Tag danach.

Im unbewussten Anlauf zum historischen November verstärkte sich diese Isolation noch um ein Vielfaches, als in West-Berlin ausgerechnet im April 1989 ein experimenteller rot-grüner Senat antrat, der nun auch offiziell vorhatte, die überholten statusrechtlichen und an „Einheitsfantasien“ orientierten Grundlagen West-Berlins endlich den postnationalen Realitäten der Gegenwart anzupassen. Deutschlandpolitisch setzte der bundesweit zunächst eher unbekannte SPD-Politiker Walter Momper in seiner Regierungserklärung (13. April 1989) auf die Anerkennung der Teilung:

Eine europäische Friedensordnung wird es in überschaubarer Zeit nur mit zwei gleichberechtigten und miteinander kooperierenden deutschen Staaten geben können, die ihre Existenz nicht gegenseitig in Frage stellen. Es gilt, bei fortdauernder Zweistaatlichkeit soviel an Zusammenarbeit wie möglich zu schaffen. Wir wollen den bestehenden Grenzen ihren trennenden Charakter nehmen. [20]

Mit dieser Denkhaltung konnte Momper sich der Unterstützung weiter Teile der West-Berliner Gesellschaft sicher sein, denn gerade in der einstigen Frontstadt waren die Einheitsideale erheblich verblasst. So schrieb – stellvertretend für viele andere – ein ehemaliger Chefredakteur beim Sender Freies Berlin noch Anfang des Jahres 1988 einen vernichtenden Essay über die armselige Suche nach einer „Rolle“ für West-Berlin, die er sich höchstens „als Ort eines politikvorbereitenden gesamteuropäischen Dialogs“ vorstellen konnte.

Und was ist mit der deutschen Frage? Die ist offen wie alle Geschichte – aber nicht nach rückwärts. (…) Berlin kann deshalb nicht Hauptstadt im Wartestand sein. Es ist Zeit, dass wir ehrlich werden und die alten Träume begraben. Die deutsche Nation wird fortbestehen, aber für alle politisch planbare Zukunft in zwei Staaten. Die Mauer quer durch Berlin kann dennoch keinen Bestand haben. Aber sie wird nicht verschwinden, weil der andere deutsche Staat sich irgendwann selbst aufgibt, sondern an dem Tage, an dem die DDR sich eine offene Grenze zum Westen leisten kann. [21]

In diesem Geiste war Anfang 1989 auch Mompers Senat angetreten, und dass seine Regierungserklärung keine leeren Worte enthielt, bewies zwei Monate später eine stellvertretende Parlamentspräsidentin aus den Reihen der Alternativen Liste, Mompers grüner Koalitionspartner. Ihr Gewissen erlaubte es ihr am 25. Mai 1989 nicht, die traditionellen „Mahnworte“ auszusprechen, mit denen das Abgeordnetenhaus seit 1955 seine Sitzungen eröffnete und die den „unbeugsamen Willen“ bekundeten, dass Deutschland mit Berlin als Hauptstadt wiedervereinigt werde. Die Sprecherin sah hierin ein Relikt des Kalten Krieges, verweigerte sich nunmehr demonstrativ dem politischen Ritual (nachdem AL und SPD schon länger durch Lachsalven und Sitzenbleiben daran gekratzt hatten [22]). Die Folge war ein handfester Skandal. Das Exempel traf den antiquierten Kern des politischen Selbstverständnisses West-Berlins. [23] Auch die Berliner SPD geriet in die Kritik. Momper hatte, wie so mancher in der SPD, seine Hoffnungen auf Reformern innerhalb der SED gesetzt und hielt auch in der finalen Krise der DDR an Kontakten zur Staatsführung fest. Das Verhältnis zu ostdeutschen Oppositionellen war schwierig und ungeklärt.

Unter der politischen Leitung dieses Senats verspielte West-Berlin zumindest aus Bonner Sicht seinen letzten Rest deutsch-deutscher Politikfähigkeit. Ohnehin sanken die Beziehungen zwischen der konservativen Regierung Kohl und dem linken Senat Momper rasch auf den Tiefpunkt. Schon bei den rot-grünen Koalitionsverhandlungen ließ FDP-Chef Lambsdorff verlauten, dass Bonn nicht „jeden Unfug“ an der Spree mitfinanzieren werde. [24] Momper und Kohl verband eine persönliche Feindschaft, die im Vorfeld der ostdeutschen Herbstrevolution eher zunahm als abebbte. Die Ironie war, dass West-Berlin ausgerechnet unter dieser einheitsskeptischen Führung auf den 9. November 1989 und anschließend auf den Weg zur nationalen Einheit zusteuerte.

Denn als sich die Krise der DDR im Herbst verschärfte, musste sich die West-Berliner Stadtverwaltung kurzfristig auf die Folgen einer möglichen Grenzöffnung vorbereiten. Berlin nahm nun seine vergessene Stellung unter ganz anderen Vorzeichen wieder ein: Nicht vom Westen, sondern vom Osten her wurden nun die alten Brückenfunktionsideale wieder aktuell. Die Senatsverwaltung erwartete einen Zustrom von ostdeutschen Besuchern an jenem „Tag X,“ an dem die DDR ihre rigide Grenzpolitik lockern würde. Zugleich sorgte man sich um die Stabilität des sozialistischen Umlands, von dem die isolierte Metropole in jeglicher Hinsicht abhängig war: vom geregelten Zugang über die Transitstrecke und die Wasserwege über die Müllabfuhr bis hin zur Stromversorgung etwa der S-Bahn sowie von U-Bahn-Tunneln unter DDR-Territorium. Vor diesem Hintergrund praktischer Sorgen und Vorbereitungen erhielten auch die Differenzen mit der Bonner Regierung neue Nahrung, denn die Inselstadt verlangte in diesen Umbruchszeiten zusätzliche Unterstützung. Doch „wie üblich“ stieß Momper mit seinen Hilferufen in Bonn “auf taube Ohren und Unverständnis,“ [25] und sein Senatskanzleichef notierte später, dass „aus Westdeutschland nur ziemlich von der realen Lage abgehobene Ratschläge zu erwarten waren.“ [26] Während das Meer unruhig wurde und die Insulaner improvisieren mussten, gab man sich zu Mompers Verzweiflung am trockenen Bonner Ufer unbeeindruckt der „überflüssige[n], in die Sackgasse führende[n] Wiedervereinigungsdiskussion“ hin. [27] Der Berliner Senat beanspruchte aus seiner geografischen Nähe heraus Erfahrungswissen über die Veränderungen in der DDR und brachte gegenüber dem entfernten Bonn unter der Hand seine spezifische Lesart der „Wende“ als vom Westen zu unterstützende DDR-Reform ins Spiel. Überflüssig anzumerken, dass sich Kohls Regierung darauf nicht einließ. Im Herbst 1989 spielte West-Berlin für sie keine Rolle, schon gar nicht Mompers rot-grüner Senat.

Hier liegt ein zweiter Grund für die verlorene West-Berliner Geschichte: Mompers im Rückblick verfehlte und wenig einflussreiche deutschlandpolitische Position trug wenig zum gesamten Gang der Entwicklungen bei – hin zur Deutschen Einheit. Darauf komme ich noch zurück.

Die ungleiche Deutungskonkurrenz zwischen Bonn und West-Berlin entlud sich auf gewaltige Weise im Chaos um den unerwarteten Fall der Mauer. Neben aller Freude über die plötzliche Grenzöffnung und über den bis dahin friedlichen Verlauf der Umwälzung lagen binnen kürzester Zeit alle politischen Nerven blank. Große Nervosität gab es bezüglich der Haltung der Sowjetarmee und der Reaktionen von Menschen in Ost und West. Der Kanzler war im Ausland, und Berlins Regierender Bürgermeister feierte seine Deutungshoheit über die spektakulären Ereignisse in der eben noch ausrangierten Stadt Berlin. Die ungeklärte Lage führte am „Tag danach“ zu offenen Verstimmungen, die bis weit in den späteren Verlauf der Vereinigung hinein ihre Spuren hinterlassen sollten.

3. Der Tag danach

Am Abend und in der Nacht des 9. November fand Geschichte statt, das war jedem Zeugen klar. Die zufällig tagenden Bundestagsmitglieder im fernen Bonn erhoben sich um 21.10 Uhr plötzlich von ihren Sitzen und stimmten die Nationalhymne an. Nachts folgte das Unvorstellbare: Ost-Berlin öffnete tatsächlich die Mauer. Ab dem nächsten Morgen sollte diese Geschichte erzählt werden – interpretiert, erklärt, gedeutet und gefeiert. Nur: Wie, wo und von wem? Was bedeuteten eigentlich die zweifellos „historischen“ Ereignisse der Grenzöffnung, der langen Berliner Nacht der Freude, des Trabikorsos am Ku’damm, der Freudentränen an der Bornholmer Brücke?

Auch „the morning after“ wurde ein Tag von vielerlei Grenzüberschreitungen. Helmut Kohl war am Nachmittag des 9. November gerade nach Polen abgereist, zu einem schwierigen Staatsbesuch in Warschau. Noch in der Nacht des 9. November beschloss er, den Besuch am nächsten Tag zu unterbrechen und nach West-Berlin zu fliegen. Walter Momper aber wurde am Freitag, dem 10. November, für einen wichtigen Termin ausgerechnet in Bonn erwartet. Nach zehn Jahren war Berlin ab dem 1. November 1989 turnusgemäß wieder an der Reihe, der bundesdeutschen Länderversammlung vorzusitzen. Im Falle des gar nicht offiziellen Bundeslandes Berlin war dies ohnehin eine sensible Angelegenheit, und nun stand die erste Sitzung in Bonn zufällig auch noch für Freitag, den 10. November 1989 auf dem Plan. Beide Reisen „am Tag danach,“ die von Momper und die von Kohl, wurden memorable Expeditionen in fremde Welten.

Mompers Besuch in Bonn folgte auf eine sensationelle Nacht, in der West-Berlins Regierender Bürgermeister den festgefahrenen Verkehr zwischen Ost- und West-Berlin an der Grenzübergangsstelle Invalidenstraße mit einem Megafon geregelt hatte – einer der wenigen ikonischen Momente des West-Berliner Bürgermeisters im November 1989. Morgens um sieben flog er nach Bonn, und zwar mit einem ihm persönlich zur Verfügung gestellten militärischen Transportflugzeug der US-Amerikaner, damit er „nicht länger als unbedingt nötig“ abwesend sein würde. „In Bonn war von der fundamentalen Veränderung, die heute Nacht durch Deutschland gegangen war, nichts zu spüren,“ notierte er später hämisch. „Keine Trabis, keine jubelnden Massen, normaler Alltag. Fast unwirklich. Das Regierungsviertel war so früh am Morgen ruhig und leer.“ [28] Seine erste Rede als Vorsitzender des Bundesrates musste er mit einem „ungewöhnlichen Geständnis“ eröffnen: „Ich habe heute Nacht nicht geschlafen.“ Dann sprach er, schon morgens in Bonn, seine geflügelten Worte: „Gestern Nacht war das deutsche Volk das glücklichste auf der Welt.“ [29] Nach einer Reihe improvisierter Festreden und gegenseitiger Glückwünsche der westdeutschen Landesoberhäupter und nach der in Windeseile erledigten Arbeit (Abstimmung über immerhin fünfzig Gesetzesentwürfe) flog Momper am Mittag sofort wieder zurück nach West-Berlin, wo riesige Menschenmassen unterwegs waren. Am 10. November 1989 war Bonn die falsche Adresse.

Noch nachdrücklicher dokumentierte Helmut Kohls hastiger Besuch in West-Berlin das Aufeinanderprallen zweier Politikkulturen. Der Kanzler hatte mit einigen Mitarbeitern seinen polnischen Staatsbesuch unter dem Protest seiner Gastgeber unterbrochen und war aus Warschau abgereist. Er wollte die Situation selbst begutachten und ahnte die Gelegenheit für eine historische Rede. Seine Motivation entstand teilweise ex negativo: 1961 war Adenauer auffällig abwesend geblieben, als die Mauer errichtet wurde. Kohl wollte diesen Fehler bei ihrem Fall um keinen Preis wiederholen. Doch auch für seine Reisegruppe war es schwierig, die soeben „entmauerte“ Stadt zu erreichen: Aufgrund von Statusfragen durfte die spontane Reise nicht über DDR-Territorium führen, sondern verlief über die Ostsee, Schweden, Hamburg und dann über den Luftkorridor nach West-Berlin, die letzte Etappe ebenfalls mit einer amerikanischen Militärmaschine. Kohl war spät. Bei seiner Ankunft hatte die West-Berliner Politik ihren stümperhaften Ruf schon bestätigt: Zu des Kanzlers großem Ärger hatte man sich vor Ort nicht auf eine Veranstaltung verständigen können, sondern es gab derer zwei. Neben dem ‚offiziellen’ Programm des Abgeordnetenhauses in Schöneberg hatte die Berliner CDU an einer eigenen Bühne an der Gedächtniskirche festgehalten. Hausgemachte Konkurrenz also, und Kohl sollte im Eiltempo an beide Adressen geführt werden. [30]

Es sollte nicht bei diesem einen Ärgernis bleiben. Die westdeutsche Prominenz traf im Laufe des Tages in der tobenden Inselstadt ein und versammelte sich im Abgeordnetenhaus, im Rathaus Schöneberg. Dort hielt die West-Berliner Volksvertretung gerade eine Sondersitzung ab, die in der Nacht der Nächte von den Regierungsfraktionen beantragt worden war. Ziel war es, gemeinsam eine Resolution zu den historischen Ereignissen abzugeben. [31] Die Debatte wurde mit Lautsprechern live auf den Platz vor dem Rathaus übertragen, wo eine wachsende Menge auf die anschließende Kundgebung mit Genscher, Kohl und Brandt wartete. Während die bundesdeutschen Politpromis, teilweise aus dem Westen, teilweise aus Polen kommend, im West-Berliner Parlament eintrafen und in der für sie reservierten ersten Reihe Platz nahmen, lief die feierliche Debatte unter den West-Berliner Abgeordneten langsam aus dem Ruder. CDU-Fraktionschef Eberhard Diepgen, ehemaliger Regierender Bürgermeister, hatte sofort den „Tag der nationalen Einheit“ ausgerufen und rhetorisch alle Register gezogen: „Deshalb rufe ich Herrn Krenz zu: Öffnen Sie dieses Brandenburger Tor!“ [32] Die SPD reagierte irritiert auf Diepgens Nationalpathos. Die Alternative Liste weigerte sich daraufhin, einer Resolution zuzustimmen, in der das Wort „Einheit“ vorkäme. Die Party entgleiste nun völlig und das Publikum draußen hielt sich mit Unmutsbekundungen nicht zurück. Zu allem Überfluss setzte ein Vertreter der Republikaner am Rednerpult zum Deutschlandlied an; bei der vierten Zeile wurde er „unter tumultartige[r] Unruhe“ im Parlament vom Ordnungsdienst entfernt. [33] Die Resolution, die nach vielen Zänkereien und gegen die Stimmen der CDU und der Republikaner schließlich verabschiedet wurde, war ein haarsträubender Kompromiss zwischen AL und SPD. Die Senatsparteien hatten eine von der CDU vorgeschlagene Formulierung aus Willy Brandts Brief zur deutschen Einheit (1972) förmlich vergewaltigt, indem sie gerade den Begriff der „Einheit“ durch einen unlesbaren Brei ersetzt hatten. [34] Mit großem Staunen verfolgte die Bonner Politikelite, darunter Altbürgermeister und Ehrenbürger Brandt selbst, das klägliche Schauspiel des politischen West-Berlin. Berlins Parlamentspräsident Jürgen Wohlrabe (CDU) erklomm später den Gipfel der Absurdität, indem er draußen auf dem Platz schlichtweg Brandts ursprünglichen Text vortrug, als hätte die ganze Debatte nicht stattgefunden. [35]

Damit noch immer nicht genug. Nach dem misslungenen Auftritt des Abgeordnetenhauses erschienen die führenden Politiker am späten Nachmittag im Portal des Schöneberger Rathauses. Oben an der Freitreppe war eine kleine Bühne improvisiert worden. Die Stimmung war angespannt. Die Alternative Liste – immerhin West-Berliner Senatspartei – hatte gleich ganz auf Vertretung verzichtet; für sie war jede Form von Wiedervereinigung ein „reaktionäres Projekt,“ und zum Mauerfall hatte sie dementsprechend wenig zu sagen. [36] Die Redner waren, in dieser Reihenfolge, Momper, Wohlrabe, Genscher, Brandt und Kohl. Sie mussten in einem Eiertanz versuchen, die unberechenbare Lage am Tag nach dem Mauerfall zu beschwören und missverständliche Signale an die Innen- wie die Außenwelt zu vermeiden. Noch während der Reden auf der Schöneberger Treppe trafen laufend neue Nachrichten aus Ost-Berlin und aus Moskau bei den Spitzenpolitikern ein. Und vor ihren Füßen versammelte sich das aktivistische West-Berlin der späten 1980er Jahre.

Das Publikum empfing Wohlrabe und vor allem den unpopulären Kanzler sofort mit einem Pfeifkonzert. Momper sprach als Erster und sagte demonstrativ: „Gestern war nicht der Tag der Wiedervereinigung, sondern der Tag des Wiedersehens in unserer Stadt!“ Während er dem „Volk der DDR“ zu seiner gelungenen Revolution gratulierte, zischte Kohl hinter ihm: „Volk der DDR – unglaublich, unglaublich.“ Momper wagte sich noch weiter vor: „Die demokratische Kultur der Bürger der DDR ist unverbraucht. Sie zeugt von sozialer Verantwortung und der Abneigung gegen die Ellenbogengesellschaft. Davon werden sich bei uns manche eine Scheibe abschneiden können.“ Jubel in West-Berlin, aber hinter ihm, so berichtet Momper, kochte Kohl vor Wut: „Lenin spricht, Lenin spricht.“ [37] Nach Momper wurden Genscher und der in West-Berlin populäre Brandt vom Publikum enthusiastisch begrüßt. [38] Als Kohl schließlich an die Reihe kam, stiegen schrille Pfeifkonzerte aus der Menschenmenge empor. Seine Rede ging im Geschrei und Gepfeife unter. Abschließend zeigte sich Wohlrabe so taktlos, spontan zum Deutschlandlied anzusetzen. Kohl, Brandt, Genscher und Momper hatten keine Wahl und stimmten ein. Live in alle Welt übertragen, sang die bundesdeutsche Repräsentanz eine schiefe Nationalhymne, falsch, viel zu tief, auch noch schlecht beleuchtet und vor allem begleitet von gellenden Pfeifkonzerten. Die taz legte die denkwürdige Aufnahme triumphierend ihrer Ausgabe des nächsten Tages bei. [39] Das war West-Berlin am 10. November 1989.

Die gespenstische Szene am Schöneberger Rathaus bedeutete für die Delegation aus Bonn, bei aller Freude über die Öffnung der DDR, eine harte Landung im vergessenen Berlin. Wutentbrannt verließ Kohl nach Abschluss der Kundgebung die Szene. Dem Kanzler war der West-Berliner Senat, der bei den akuten und „existentiellen Schwierigkeiten“ des immensen Besucherzustroms händeringend warmherzigen Zuspruch und harte Finanzmittel aus West-Deutschland brauchte, keinen Blick wert. Dass er kurz darauf bei der CDU-Kundgebung am Breitscheidplatz nach eigenen Angaben von einer großen Menge Berliner jubelnd empfangen wurde, registrierten die Medien nicht mehr, und nur aus Notizen seines Umfeldes erfahren wir von seinem spontanen Besuch am nunmehr weit geöffneten Checkpoint Charlie, wo ihm von vielen Ostberlinern energisch zugejubelt worden sei. [40]

Und so lieferte am 10. November das Schöneberger Publikum einen dritten Grund für West-Berlins Absenz in unseren Erzählungen von 1989 und 1990. Die peinliche Treppenszene fällt bis heute in jeder Fernsehdokumentation oder DVD aus der Reihe: Die Insel hatte sich danebenbenommen. Viele Bonner Gäste waren zutiefst enttäuscht und beleidigt, vor allem im konservativen Umfeld Helmut Kohls. West-Berlin erwies sich endgültig sich als ein schwieriges, undankbares Pflaster, als eine eigene Erfahrungswelt. Der Affront sollte bei vielen Westdeutschen die Berlinskepsis bis tief in die Hauptstadtdebatte von 1991 nähren und diente den Freunden Bonns als Beweis dafür, dass man inmitten dieses Straßenmobs doch wohl nicht in Ruhe regieren könne. Aus München ertönte mit Verweis auf den 10. November die Warnung vor einer „Hauptstadt Kreuzberg.“ [41] Der Erfahrungsraum West-Berlin schien dem ganzen Geschehen im besten Falle ambivalent gegenüberzustehen, und genau das gilt seit 1990 scheinbar eher als Argument gegen als für eine nähere Erforschung.

4. Harte Landung und die Verführungen der Teleologie

Der Schöneberger Kater dokumentierte in hoher Dichte die Orientierungskrise, die der Mauerfall zunächst für die alte Bundesrepublik bedeutete. Der Historiker Andreas Wirsching spricht in diesem Sinne von einer „tiefgründigen Symbolik“ der verkorksten Veranstaltung, weil sie „ziemlich genau die deutschlandpolitischen Positionsunterschiede der alten Bundesrepublik wider(spiegelte).“ [42] Jetzt kam es darauf an, diese alten Positionen in das noch zu vermessende neue Zeitalter hinein zu übersetzen. Dabei war kurz nach dem Mauerfall noch lange nicht klar, dass es Helmut Kohl sein würde, dessen Person und Politik die nachfolgenden Monate ebenso dominieren sollte wie die spätere Geschichtsschreibung. Denn die auf den 3. Oktober 1990 ausgerichtete Teleologie stellt bis heute die alternativen zeitgenössischen Deutungen des 9. November 1989 in den Schatten. Dazu gehören nicht nur, wie Martin Sabrow jüngst veranschaulichte, die unterschiedlichen von DDR-Oppositionellen bis weit ins Jahr 1990 getragenen Vorstellungen eines „Dritten Weges“ einer eigenständigen DDR, [43] sondern ebenso die einheitsskeptischen Haltungen vieler Westdeutscher.

Auch die West-Berliner Pfeifkonzerte am Rathaus Schöneberg können samt protokollarischer Protesthaltung der regierenden AL diesen alternativen, vom weiteren Verlauf des Einheitsjahres 1990 gleichsam widerlegten, zeitgenössischen Deutungen des Mauerfalls zugerechnet werden. Sie bargen nicht zuletzt auch eine geographische Dimension in sich, denn die „tiefgründige Symbolik“ der Schöneberger Treppenszene lag nicht nur in den „deutschlandpolitischen Positionsunterschieden,“ sondern auch in der topo-kulturellen Verschiebung innerhalb der „alten“ Bundesrepublik. Auf einmal hatten die Bonner von weither kommen müssen, um „dabei“ zu sein. Und im Gejohle an diesem West-Berliner 10. November wurde auch die (Macht)Frage verhandelt, wie sich die verunsicherte, gerade von einem abenteuerlichen Linkssenat geführte Symbolkommune eigentlich verstand und wem sie gehörte. Die Runde am Schöneberger Rathaus entschieden die Linken für sich, am Breitscheidplatz sammelte sich der CDU-Überlieferung nach dann Kohls Klientel, während der mysteriöse Abstecher zum Checkpoint Charlie bereits einen Vorgeschmack auf Kohls immense Popularität bei den baldigen Neubundesbürgern gab. [44]

Bis dahin demonstrierte aber der Kater von Schöneberg vor allem, wie sehr die Stadt Berlin in der alten Bundesrepublik symbolisch überfrachtet worden war und wie tief der Graben zur West-Berliner Realität der 1980er Jahre klaffte. Die Veranstaltung am Rathaus suchte in Pathos, Form und Ort Anschluss an die Tradition der legendären Jahre 1948 und 1963, der großen Berlin-Reden von Reuter und Kennedy. Doch das versammelte West-Berlin war im November 1989 nicht mehr das heroische Volk, das der bundesdeutschen Mythologie nach tapfer viele Krisen bestanden, die von Stalin und Ulbricht bedrohte Demokratie verteidigt und der gebeutelten Stadt in aussichtsloser Lage immer die Treue gehalten hatte. Seit den späten 1960er Jahren war ein neues, oft aus West-Deutschland zugewandertes, junges und kritisches West-Berlin hinzugekommen, und diese Polarität prägte jetzt den Erfahrungsraum West-Berlin. [45] Die ernüchternde Realität am John-F.-Kennedy-Platz 1989 war eine von Linken, Autonomen und Bürgerbewegten dominierte neue Generation, deren Hauptanliegen der Protest gegen Kohl, seine Wendepolitik und seine Wiedervereinigungsträume war. Berlins CDU-Chef Diepgen sprach rückblickend von einem „Pöbel“ und von der örtlichen „Fundamentalopposition,“ die den Platz „strategisch besetzt“ und eine „aggressive“ Stimmung verbreitet habe (und rechtfertigte mit diesem Hinweis auf das ungeeignete Publikum nebenbei sein Festhalten an einer eigenen CDU-Veranstaltung). Alles das sei West-Berlins „demonstrationserprobte politische Szene“ gewesen. [46] Sogar Walter Momper gab sich nachher überrascht, dass so viele „junge Leute in Jeans und Lederjacke“ gekommen waren und nicht mehr „ältere Berliner,“ „Leute mit Kerzen in der Hand, die sich noch an den Mauerbau und John F. Kennedys legendären Auftritt 1963 erinnerten.“ [47] Helmut Kohl brachte den Realitätsschock mit zugehöriger Empirieverweigerung abends deutlich zum Ausdruck: „Das war nicht das wirkliche Berlin.“ [48]

So entlarvten die Ereignisse in und um das Schöneberger Rathaus auch das imaginäre Berlin als die „versprochene Stadt“ von schier mythologischem Ausmaß. Natürlich wäre die „historische“ Nacht des 9. November ohne die direkte Nähe von West-Berlin undenkbar gewesen. Und sicher hat sich deshalb Berlins Rolle als ‚Pfand’ oder ‚Hebel’ der Einheit rückblickend glänzend bewährt. Doch diese von ihrem Ende her komponierte Sicht auf die „Insel“ verkennt das eigenartige West-Berlin der 1980er Jahre. Denn wie journalistische Kommentare, politische Debatten und eben die Pfiffe in Schöneberg zeigen, war gerade in weiten Teilen der West-Berliner Normalität das politische Ideal einer nationalen Einheit tief weggesunken.

Vor diesem Hintergrund legt die politische Realität (oder auch: Irrealität) im letzten Jahr des alten West-Berlins die Umrisse einer politischen Stadtkultur bloß, die in die bundesdeutsche Meistererzählung des Mauerfalls nicht hineinpassen will. Mit ihrer von Kohls 10-Punkte-Programm geleiteten und auf die deutsche Einheit vom 3. Oktober 1990 ausgerichteten Teleologie verweist dieses Narrativ die Stimmen, Vorstellungen und Praxen West-Berlins in ein historisch ungültiges, weil vom „Lauf der Geschichte“ widerlegtes Universum. „In einer rauschhaften Nacht, mit überschäumender Freude und Begeisterung,“ schreibt beispielsweise Wirsching zum 9. November 1989, „feierten die Menschen der geteilten ehemaligen Reichshauptstadt ihre Wiedervereinigung.“ [49] Abgesehen davon, dass sie durch den Bezug auf die Zeit vor 1945 einen ganz spezifischen Bedeutungszusammenhang anbietet, speist die Formulierung einen offenkundigen Anachronismus. Sie überträgt die Perspektive der späteren staatlichen Einheit auf die soeben erlebte Maueröffnung und schließt somit die erfahrene Offenheit der chaotischen Novembertage. Die vielfach anderen zeitgenössischen Lesarten degenerieren aus dieser auf den 3. Oktober fixierten Nach-Sicht zu postnationalen Spinnereien einer unbedeutenden Minderheit. Wer wie Wirsching vorgeht, verschließt sich auch dem Zugang zum eigenartigen, auf jeden Fall einmaligen West-Berliner Erfahrungsraum, der in den hektischen Novembertagen die erste und prominenteste Bühne für die epochemachenden Veränderungen in Deutschland hergab. Die Träger dieses kulturellen Erfahrungsraumes griffen, auch wenn sie wie Regeners Herr Lehmann gar nichts taten, vielfach in die unmittelbare Nach- und Interpretationsgeschichte des Mauerfalls ein. So geben auch und gerade die verkaterten Kopfschmerzen der Schöneberger Treppenszene „am Tag danach“ Aufschluss über diese Primärerfahrungen und damit über die Kanalisierung historischer Kontingenz in westlichen Gesellschaften. Darin beschlossen lag auch die schockartige Adaption dreier so verschiedener kultureller Räume wie der Bundesrepublik, der DDR und eben West-Berlins.

Postskriptum

Eine letzte, leicht paradoxe Erklärung der auffälligen West-Berlin-Blindheit der historischen Forschung dürfte in den zunächst unvermuteten, dann aber ins Auge springenden kulturellen Kontinuitäten zur Hauptstadt der neuen „Berliner“ Republik liegen. Denn die zunächst offenkundige Feststellung, dass West-Berlin Ende 1990 im Gegensatz zur DDR sang- und klanglos unterging, täuscht auf den zweiten Blick gewaltig – denn sie bezeugt vor allem, dass vieles aus West-Berlin eben gerade nicht verschwand, sondern nahtlos in das „neue Berlin“ überging. Dies betrifft neben der Politik, der Justiz und der Verwaltung auch zahllose stadtplanerische, gedächtniskulturelle und symbolpolitische Strukturen und umfasst überraschenderweise viele prominente Projekte des „Neuen Berlins,“ wie etwa die Renovierung des Reichstags (diskutiert seit 1985), die Neubebauung des Spreebogens (seit 1982), die Erschließung des Potsdamer Platzes (seit 1988), die „kritische Rekonstruktion“ (seit 1984) und die Errichtung eines Holocaust-Denkmals (seit 1988). Trotz der gewaltigen kontextuellen Veränderungen, die solche Projekte ideell teilweise in ihr Gegenteil verkehren ließen, verliefen personell, topographisch und diskursiv unzählige Linien vom alten West-Berlin in die neue Bundeshauptstadt. Die Vermutung liegt nahe, dass es bei aller Entfremdung gerade auch die perspektivische und oft biografische Nähe ist, die einer Distanzierung, und somit einer Historisierung des späten West-Berlins bis heute im Wege steht.

Parties annexes