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Historische Komparatistik und Kulturtransferforschung. Vom bilateralen Beispiel zu Beiträgen für eine globale Geschichte [1]

  • Matthias Middell

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  • Matthias Middell
    Universität Leipzig

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1 Einleitung

Am Beginn der 1990er Jahre kam es in Berlin zu einer Kontroverse, die an Heftigkeit nichts zu wünschen übrig ließ, aber doch weitgehend auf Teile der deutschen Historiographie beschränkt blieb. Sie wurde ausgelöst durch einen Vortrag von Michel Espagne, einem der Urheber des Terminus Transferts culturels. Er hatte ausgerechnet in der Arbeitsstelle für vergleichende europäische Geschichte den Vorwurf erhoben, ein naiver Gebrauch der komparatistischen Methode stärke die Nationalisierung in der Geschichtswissenschaft statt sie zu überwinden. Durch die Postulierung abgegrenzter Entitäten als Grundlage des Vergleichs übersehe eine Komparatistik, die die Geschichte der Beziehungen und Verflechtungen ignoriere, wie stark sie deshalb in die Produktion dieser Entitäten involviert ist. [2]

Die Herausforderung wurde zunächst deutlich zurückgewiesen. [3] Dies hinderte die Entfaltung einer reichhaltigen Forschung, die die lokalen, regionalen und nationalisierten Beispiele aus der französischen, deutschen und britischen, aber auch tschechischen, ungarischen und polnischen Geschichte heranzog, nicht. Sie hier zu resümieren, hieße Athen mit Eulen zu versorgen. [4] Ich will nur darauf aufmerksam machen, dass sich der ursprünglich von Michel Espagne und Michael Werner formulierte Ansatz der Kulturtransfer-Forschung mittlerweile in einigen wichtigen Dimensionen veränderte:

  1. die alleinige Konzentration auf die besonders eng verflochtenen (und ineinander verbissenen) Nationalkulturen Frankreichs und des deutschsprachigen Raumes wurde rasch überwunden, womit der Vergleich von tri- und multilateralen Transferkonstellationen als neue Fragestellung hinzutrat; [5]

  2. mit der Regionalisierung am Beispiel von Sachsen [6] oder des Bordelais [7] kam das Problem der Asymmetrie von Macht und Ausstrahlung verschiedener Territorien in kulturellen Transfers zur Sprache, und die Historizität und Konstruiertheit der Bezugsräume wurde deutlicher als in Untersuchungsdesigns, die den nationalen Raum von vornherein annahmen. Kultur war nun nicht mehr Nationalkultur, sondern eine je spezifische Kohärenzstiftung mit einem konkreten territorialen Rahmen, an der auch der rekonstruierende Historiker seinen Anteil hat. [8]

  3. Die Frage nach Kulturtransfers im 16. Jahrhundert (auf einem Kolloquium in Wien 1999 [9]) schärfte die Sensibilität für Periodisierungen und die qualitativen Unterschiede kultureller Transfers nach Form und Funktion im 16./17. Jahrhundert, im 18. und 19. Jahrhundert sowie schließlich im 20. Jahrhundert. [10] Auch dies trug dazu bei das Verhältnis des Konzeptes zu vornationalen und transnationalen Konstellationen genauer zu bedenken.

  4. Die Kulturtransferforschung erwies sich immer mehr als Zuspitzung einer Innovation, aber nicht als deux ex machina, sie hat eine eigene Theoriegeschichte, die man bis in die Reflexion der französischen Aufklärung über ihre Konfrontation mit anderen Zivilisationen zurückverfolgen kann. Benutzt man diesen breiteren Fokus, wird auch die Beziehung zur Diskussion um die Weltgeschichte leichter sichtbar. [11]

Kommen wir aber zunächst noch einmal auf das Verhältnis von Vergleich und Kulturtransfer zurück.

Nach der Veröffentlichung der Akten des Kolloquiums von 1993 über „Geschichte und Vergleich“ im Jahre 1996 (das pikanterweise den Vortrag von Espagne nicht enthielt, der vielmehr separat in der Zeitschrift Genèse erschien) wurden Kompromissangebote beinahe eine eigene Textgattung, die Fußnote mit all den zu berücksichtigenden Aufsätzen wird immer länger. [12] Sie haben, wie das in einer marktgesteuerten Wissenschaftslandschaft kaum anders sein kann, auch allerhand Neubenennungsvorschläge hervorgetrieben, ohne dass in der Substanz so schrecklich viel Neues hinzugetreten wäre. [13] Inzwischen haben wohl alle Beteiligten mehr Klarheit über die Unterschiede der methodischen Zugangsweisen gewonnen. Deren Kombinierbarkeit ist für eine jüngere Generation von Forschern längst so etwas wie abgesunkenes Kulturgut, dessen man sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit bedient. Jürgen Osterhammels Schiedsspruch im jüngst von Hartmut Kaelble und Jürgen Schriewer herausgegebenen Band: „der Vergleich reduziert Komplexität, die Kulturtransferforschung erhöht demgegenüber zunächst die Komplexität der Betrachtung“ lädt ein, sich zu überlegen, bei welchen Themen und für welche Zwecke das eine oder das andere Verfahren angebrachter ist. [14]

Das Bestreben, in dieser verdichteten Argumentationssituation noch etwas Originelles beizusteuern, hat den weiteren Kontext der Kontroverse deutlicher ausgeleuchtet: von Postkolonialismus [15] bis zum spatial turn [16] und dem jeux d’échelles [17] in den Humanwissenschaften zieht sich der Bogen.

Die Erbitterung, mit der zunächst gestritten wurde, und die Kreativität, mit der schließlich nach Auflösungen gesucht wurde, sind meines Erachtens allerdings erklärungsbedürftig, ebenso wie es eine Nachbetrachtung wert ist, warum ausgerechnet in Deutschland so heftig polemisiert wurde und diese Kontroverse in viele andere Historiographien nicht übersetzbar scheint, obwohl dort eigentlich die gleiche Sache erörtert wird.

Ich möchte meine Betrachtung um diese beiden Punkte herum organisieren und hoffe damit einen Beitrag zu den zentralen Fragen dieses Kolloquiums leisten zu können.

2 Wie lässt sich die Kontroverse deuten und im Kontext der Konjunkturen von Weltgeschichtsschreibung verorten?

Ich denke, die Debatte brach nicht zufällig in den Anfängen der 1990er Jahre aus. Der Umbruch von 1989 hatte viele grundsätzliche Fragen aufgeworfen, ohne dass schon eine Ahnung darüber zu erhalten war, wie die Transformation verlaufen würde.

Globalisierung wurde das neue Schlagwort, um das herum sich die Weltbetrachtungen organisierten. Homogenisierung durch weltweite Ausdehnung einer politisch liberalen Marktwirtschaft mit wachsenden Auslandsinvestitionen, grenzüberschreitender Technologie in Produktion, Konsumtion und medialer Vermittlung schien die eine Zielvision, der bald andere widersprachen, die das Zeitalter der (tendenziell transnationalen) sozialen Gegensätze durch das Zeitalter kulturell inspirierter Identifikationen abgelöst sahen, weshalb scharfe Grenzziehungen und die Reterritorialisierung von Identität im clash of civilizations prognostiziert wurden. Die Kompression von Raum und Zeit wurde vorhergesagt, sogar das Verschwinden des Raumes und die Bedeutungslosigkeit des Nationalstaates als dominante Form der räumlichen Organisation von Gesellschaften behauptet. Im Rückblick kann man dies sicherlich belächeln, aber was sollten die Sozialwissenschaftler tun, die von den Historikern allein gelassen wurden? Erst langsam verdrängte die Einsicht, auch früher hätte es schon Globalisierungswellen gegeben, die Aufregung über das absolut Neue. Etwa Mitte der 1990er Jahre hatten die Historiker – zunächst in den USA und von dort überschwappend auf andere Kontinente – schließlich die Historisierungsmaschinen angeworfen und traten den systematischen Sozialwissenschaftlern entschiedener entgegen. [18] Verschiedene Thesen wurden ausprobiert: die Rückdatierung der Globalisierung gleich um 5000 Jahre wie bei Andre Gunder Frank überzeugte weniger. Wallersteins Weltsystemtheorie, die bis dahin den großen Einschnitt um 1450 gesetzt hatte, erhielt bei Janet Abu Lughod einen Vorbau im arabisch-chinesischen Weltsystem des 13. und 14. Jahrhunderts, das dem westlichen vorausging.

Es ist sicher noch manches zu erwarten bei dieser Relektüre der älteren Perioden, aber die wichtigste Kontroverse scheint mir doch von zwei anderen Diskussionen ausgegangen zu sein: Unter Historikern und Soziologen, von denen auffällig viele in dieser Zeit an der University of Chicago wirkten, setzte sich ein Paradigma durch, das Globalisierung aus der Dialektik von space-time-compression durch weltweit vernetzte Marktwirtschaften einerseits und dem Beharren auf kulturell-politischer Autonomie zur Gestaltung dieser Vernetzung erklärt. Kolonialexpansion und internationale Marktausdehnung durch Industrialisierung einerseits und Durchsetzung des Nationalstaates in den dominierenden Gebieten der Erde sind im 19. Jahrhundert keine Gegensätze, sondern aufeinander bezogene Phänomene der gleichen Globalisierung. [19] Es gibt zahlreiche Anhaltspunkte, dass diese Dialektik sich im transatlantischen Revolutionszyklus [20] zwischen 1776 und 1830 (von den USA über Frankreich, Haiti, Italien, Spanien, Portugal und Lateinamerika wieder zurück nach Südost- und Westeuropa) herausbildet und zwischen 1840 und 1880 wirklich weltweit durchsetzt. Gerade die vier Jahrzehnte in der Mitte des 19. Jahrhunderts fallen durch eine enorme Bündelung innerer Krisen vom China des Opiumkrieges und der Bauernaufstände über das Japan der Meiji-Reformen, den amerikanischen Bürgerkrieg, die karibischen Revolutionen im weltwirtschaftlich bedeutsamen Zucker- und Sklavensektor, den Stabilitätsverlust des Osmanischen Reiches, natürlich die Revolutionen von 1848/49 in Europa und die Beseitigung der Leibeigenschaft in Russlands Landwirtschaft auf. Diese Krisen können nicht mehr allein aus inneren Faktoren erklärt werden, sondern lassen sich verstehen, wenn man sie als Suche nach einem neuen Regime der Territorialisierung von Gesellschaft interpretiert, in dem man auf die Herausforderungen des vernetzten Weltmarktes reagieren kann. [21] Eine neue geopolitische Lage entsteht im Gefolge der gescheiterten oder erfolgreichen Bemühungen, solche Bruchzonen der Globalisierung [22] für den Aufbau eines neuen Territorialitätsregimes [23] zu nutzen.

Dies korrespondiert ziemlich genau mit den Ergebnissen einer Kontroverse, die vor allem die Wirtschaftshistoriker beschäftigt: Wann entstand die „great divergence“ zwischen dem Westen und China, die Kenneth Pommeranz untersucht hat? Welchen Anteil hatte die Ausbeutung der überseeischen Gebiete seit dem 16. Jahrhundert am Aufstieg des Westens Europas? [24] Die Antwort ist ziemlich eindeutig. Auch wenn die Vorleistungen in der Organisation des intellektuellen Lebens nicht gering zu schätzen sind, verschwindet doch jener Zeitraum, den wir als Frühe Neuzeit bezeichnen, zunehmend aus dem Erklärungsmuster. Erst in der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts trennten sich die Wege deutlicher. Obwohl China über vergleichbare Rohstoffressourcen verfügte, fand es offenkundig kein Regime der Territorialität, um die Herausforderung der Industrialisierung, für die es durchaus gerüstet schien, zu bewältigen.

Christopher Bayly und Charles Mayer sekundieren einer solchen Perspektive mit jüngeren Beiträgen ebenso wie John McNeill in seiner Umweltgeschichte und in der mit seinem Vater geschriebenen Geschichte der Human Webs.

Die eingangs zitierte Kontroverse um Vergleich und Kulturtransfer schreibt sich in diese Konjunktur ein, in der es um die Frage geht, welchen Stellenwert wir der Konnektivität in der neueren Weltgeschichte zumessen wollen. Dies ist eine empirische Frage, und angesichts der Rückstände, die bei der Aufdeckung von Verbindungen bestehen (sie reichen von der Geschichte der Ozeane bis zur Geschichte der umstrittenen Grenzregionen, von der Ideen- bis zur Technikgeschichte usw.) sind alle Beiträge zu einem präzisierten Bild vom Human Web willkommen. Quantität schlägt vielleicht doch in neue Qualität um. Es ist aber auch eine epistemologische Frage: Während die ältere Universal- und Weltgeschichte von der Einheit der Welt schlicht ausging und diese dann in systematischen Unterscheidungen ausdifferenzierte, geht die neuere Welt- oder Globalgeschichte anders vor: Sie rekonstruiert die tatsächlich bestehenden Verflechtungen und betrachtet die Einheit der Welt als etwas höchst Fragiles, immer wieder neu Herzustellendes, das durch keinerlei religiöse oder philosophische Idee bereits gegeben ist. Sie muss demzufolge auch alle Formen, in denen sich Konnektivität und Suche nach autonomen Handlungsfeldern ausdrücken, immer wieder historisieren, denn keine von diesen Formen, sei es der Nationalstaat, sei es die Region, seien es Kontinent, Kultur, Religionsgemeisnchaft oder Zivilisation können ontologisiert werden. Der Nationalstaat verschwindet nicht, aber die Selbstverständlichkeit, mit der er zur ontologischen Grundlage so vieler intellektueller Bemühungen gemacht wurde, ist definitiv in Frage gestellt. Für die Geschichtswissenschaft, die sich im 19. und 20. Jahrhundert so eng mit dem Schicksal des Nationalstaates verbunden hat (der ihr Archive, Lehrstühle, Museen, ein begieriges Publikum zur Verfügung gestellt hat) ist dies ein schwerer Schlag.

Die essentialistische Position, die einem isolierenden oder separierenden Vergleich zugrunde liegt, lässt sich kaum in die neuere Globalgeschichte herüber retten. Sie speist eine Hilfskonstruktion, die aus pragmatischen Gründen ihre Rechtfertigung als Teilanstrengung finden mag (Stichwort: Reduktion von Komplexität), aber eine allein auf Vergleichsoperationen gegründete Studie verzerrt mehr als man gewinnt.

Im Übrigen ist dies schon den Vorläufern heutiger Vergleichsdiskussionen um 1900 klar geworden. Die große Methodenkontroverse, die in vielen Ländern nach 1895 ausbrach, drehte sich einerseits um Einmaligkeit historischer Konstellationen oder Trends, Tendenzen und Gesetzmäßigkeiten, mithin um das Verhältnis der Geschichtswissenschaft zur entstehenden Soziologie; aber in diese Debatte integrierte sich ab 1903/04 eine Erörterung der Schwierigkeiten, Weltgeschichte unter den Bedingungen von Verfachlichung und Verwissenschaftlichung der Disziplin zu betreiben. [25] Der Leipziger Lamprecht machte darauf aufmerksam, dass über die künftige Stellung der Nationen nicht ihre militärische Stärke, sonder ihre interkulturelle Lernfähigkeit entscheide. [26] An die Stelle einer normativ aus dem Vergleich abgeleiteten Überlegenheit des Westens sah er die Qualität der neuen Mächte Japan und USA treten, die größten Gewinne für sich selbst aus der zunehmenden Konnektivität zu ziehen, während die Staaten des alten Europa auf ihren Sonderwegen beharrten und zu Gefangenen einer historisch gewachsenen Separierung würden.

Marc Bloch, der für viele zum Kronzeugen der neueren Komparatismus-Vorstellungen wurde, erweist sich bei genauerer Lektüre seines Vortrages auf dem Welthistorikerkongress von Oslo als entschiedener Kritiker dessen, was spätere Autoren für den Königsweg hielten: Ein isolierender Vergleich sei nur dann eine akzeptable intellektuelle Operation, wenn man aufgrund der raumzeitlichen Entfernung zweier Vergleichseinheiten davon ausgehen könne, dass die Interferenzen zwischen ihnen vernachlässigbar gering sind – schon für das europäische Mittelalter wollte er dies nicht mehr gelten lassen. Die leichte Verschiebung der klassischen Formel für den Vergleich von Gemeinsamkeiten und Unterschieden hin zu (täuschenden) Ähnlichkeiten und Differenzen bei Bloch zeigt, dass letztere im Vergleich weitgehend übersehen wurden, und noch der Band „Marc Bloch aujourd’hui. Histoire comparée & Sciences sociales“ von 1990 blendete diese Dimension der kritischen Haltung Blochs zu einer Komparatistik, die fest im methodischen Nationalismus verankert war, aus.

Nach dieser ersten, zunächst deutschen, dann französischen Konjunktur der Erörterung des Problems von kulturgeschichtlichen Methoden und Weltgeschichte zwischen 1900 und 1930 folgte eine zweite Etappe nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie hatte ihre Schwerpunkte, betrachtet man nur, wo die Weltgeschichten erschienen und zum Ausgangspunkt für neue Fragestellungen und Vorgehensweisen wurden, in den USA (mit der Rostowschen Modernisierungstheorie und William McNeills Bestseller „The Rise of the West“), in der Sowjetunion (wofür nur Zukovs zehnbändige Vsemirnaja istorija erwähnt sei) und in den französischen Annales unter Fernand Braudels Leitung. Während Stufen der Modernisierung und marxistisch-leninistische Gesellschaftsformationen der Ontologisierung des Raumes, d.h. in aller Regel des Nationalstaates, Vorschub leisteten und sich auf isolierende Vergleiche stützten, ahnte Braudel, dass es so nicht ging. Seine Idee von der longue durée kann als Vorgriff auf die konsequente Historisierung aller Regime der Territorialität gelesen werden, die économie-monde ist ein (leider inkonsequenter) Versuch, die Toynbeeschen Zivilisationen zugunsten einer nach Handel und Produktionsregime differenzierenden Kategorie ökonomischer Verräumlichung zu verabschieden. Unter der Last des empirischen Anspruchs blieb dieser kühne Versuch jedoch stecken – begrenzt zumeist auf das 14. bis 18. Jahrhundert und kategorial unentschieden. Nach 1974/75 erlahmte das Interesse an Weltgeschichte erneut und wurde von „kleineren Fragen“ verdrängt, die sich im Jahrzehnt zuvor bereits angedeutet hatten: ein strukturalistisch gelesener Weber wies im Westen ebenso wie der Leninsche Strukturalismus im Osten den Weg zu geschichtspolitisch aufregenden Fragen nach historischer Erklärung über besondere Wege. Sei es, dass es um die Erklärung des NS-Regimes in einem deutschen Sonderweg ging, sei es, dass Japans wirtschaftlicher Erfolg aus einem spezifischen Weg mindestens seit 1868 deduziert wurde, sei es, dass das Zurückbleiben vieler Länder aus den besonderen Lösungen der Agrarfrage hergeleitet wurde. Am Ende kreierte auch die Revolution von 1789 bei François Furet noch einen französischen Sonderweg. Aber zu diesem Zeitpunkt, 1987, hatte die Proliferation der Sonderwege schon für reichlich Spott gesorgt und ein genaueres Hinsehen bei den sog. Normalwegen provoziert. Wer aber den Vergleich nicht mehr aus dem sicheren Hort der wohlvertrauten eigenen Geschichte mit einigen Sekundärliteraturhinweisen auf den nicht selten idealisierten anderen Fall führte, sondern die Verfremdung des Blicks in immer zahlreicheren ausländischen Archiven und Forschungsdiskussionen ertrug, dem kamen zunehmend Zweifel über die „Stolpersteine auf dem Königsweg“ Komparatistik. [27]

Die jüngste, dritte Konjunktur der Debatte um Welt- oder Globalgeschichte ist deshalb nicht einfach ein Wiederanknüpfen, sondern sie baut auf einigen Einsichten der vorangegangenen zwei Jahrzehnte auf: Der Streit zwischen historischen Sozialwissenschaftlern und postmodernen Fragmentierungsanhängern hat zahlreiche Schlussfolgerungen zugelassen, aber vor allem die Sensibilität für die konstruierende Rolle des Historikers geschärft und dem grassierenden Objektivismus, der Überzeugung von der Unberührtheit des Forschungsdesigns durch den Forscher, einen schweren Schlag versetzt. Der cultural turn hat die Aufmerksamkeit auf Sinngebungsprozesse, auf die Rolle der Bedeutungszuweisung durch historische Akteure gelenkt. Und diese lassen sich eben nicht isolieren und in den Grenzen von Territorien halten, sondern weisen eine hohe Verflechtungsrate gerade in Europa auf. Dabei verwandeln sie sich diachron in verschiedenen Stufen der Aneignung im Gedächtnis einer Gruppe oder Gesellschaft. Die Aufmerksamkeit für die mémoire und ihre relative Unabhängigkeit von der histoire hat deutlicher werden lassen, dass Verflechtungen nicht nur einmal, im Moment des Ereignisses, sondern öfter, in jedem Moment seiner erinnernden Reaktualisierung eine Rolle spielen können. Der spatial turn schließlich hat die Konstruiertheit auch aller Raumbezüge menschlichen Handelns erinnert und den Raum als Container, in dem sich die sozialen Interaktion unbeeinflusst von der Hülle abspielen, zu einer altertümlichen Vereinfachung degradiert.

Betrachtet man heute die Bibliographie der Beiträge zur Globalgeschichte, dann finden wir zahlreiche parametergestützte Vergleiche. Sie sind ein notwendiges Hilfsmittel, um empirische Fortschritte zu erzielen. Aber konzeptionell haben sie keinen erheblichen Einfluss mehr. Die Welt als Addition parallel verlaufender Geschichten von Staaten oder Kontinenten zu konzipieren, die durch synchrone Vergleiche auf ihr Gewicht oder ihre Progressivität geprüft werden, passt nicht mehr recht mit unseren Mobilitäts- und Verflechtungserfahrungen zusammen.

Eine kurze Nebenbemerkung sei hier noch eingefügt: Während die Forschung auf diese Sachverhalte und geänderten Sensibilitäten relativ schnell reagieren kann, erweisen sich die Schulcurricula als wesentlich zählebiger – hier ist die Spannung zwischen den Erfahrungen der Kinder und Mustern von Weltgeschichte, die etwa in Deutschland auf etablierte Narrative der späten 1920er Jahre zurückgehen [28], viel eklatanter. Was hier zu tun wäre, ist ein ganz eigenes Thema. Wir sollten es aber nicht völlig von der Agenda nehmen, weil die Spannung zwischen Forschungs- und Methodenverfeinerung und den öffentlich kursierenden Geschichtsbildern immer problematischer für die Lage der Disziplinen und der Universitäten wird.

Fassen wir einige Gesichtspunkte noch einmal zusammen:

  1. Das Interesse für Konnektivität ist kein spezifisches einer kleinen Gruppe von Forschern in einer Methodenkontroverse, sondern hat mit dem Übergang zu einer neuen Phase der Welt- oder Globalgeschichtsschreibung zu tun.

  2. Der Platz des historischen Vergleichs wird dabei gründlich relativiert. Die darin enthaltene Ontologisierung bestimmter Territorialstrukturen wird zugunsten einer Historisierung der Regime von Territorialität aufgegeben.

Damit rückt der Anteil des Fremden im Eigenen, der wechselseitigen Durchdringung von Kulturen und Gesellschaften stärker in den Blick. Kulturelle Transfers, d.h. die Inkorporation auswärtiger Muster durch spezifische Aneignungsprozesse in eine Kultur, deren Kohärenzstiftung sich mit einem bestimmten Regime der Territorialität verbindet, sind die Basisvorgänge der Konnektivität. Das Forschungsprogramm hierzu ist weit ausgefächert und bietet verschiedene Möglichkeiten der Operationalisierung: von der Übersetzungsbibliothek bis zur Konsumgeschichte, von der Untersuchung der Mittlerfiguren bis zur Institutionalisierung der Aneignungen.

3 Nachbetrachtung zu einer sehr deutschen Debatte

Bleibt am Ende die Frage, warum dieser Übergang gerade in Zentren der deutschen Geschichtsforschung so misstrauisch beobachtet wurde. Ich kann aus Platzgründen hier nur Stichworte dazu liefern, die vielleicht die weitere Diskussion anregen können.

  1. Die Aufwertung des Vergleichs gehört zu den Fundamenten des Aufstiegs der historischen Sozialwissenschaft und diente, worauf die Metapher vom „Königsweg“ hinweist, der Abgrenzung gegenüber dem Neorankeanismus, der in Deutschland oft als Historismus bezeichnet wird.

  2. Das geschichtspolitische Gewicht der Sonderwegsthese ist in Deutschland aus einsichtigen Gründen besonders hoch, den Vergleich als Basis dieser These zu relativieren rührt auch an Tabus der deutschen Geschichtsdebatte, die nur langsam abgebaut werden.

  3. Parsons Weber genießt erstaunlicherweise gerade in Deutschland nach wie vor eine hohe Autorität und verspricht besondere wissenschaftliche Dignität jenem, der auf seinen Spuren wandelt.

  4. Die westdeutsche Historiographie hat mit wenigen Ausnahmen nicht an der zweiten Konjunktur der Weltgeschichtsschreibung 1950-1975 teilgenommen und schließt mehrheitlich auch im Urteil über die erste Konjunktur an ablehnende Positionen an, die von Neorankeanern wie Georg von Below und von Soziologen wie Max Weber formuliert wurden. Dem entspricht eine für lange Zeit hingenommene (Selbst-) Marginalisierung der Befassung mit außereuropäischer Geschichte, die nur ungenügend zum Mittler der anbrechenden dritten Konjunktur der Weltgeschichtsschreibung wurde.

  5. Sorge um künftige nationale Geschichtsbilder beschäftigten die deutschen Historiker nach der Vereinigung weit mehr als globale Zusammenhänge. Das „deutsche Jahrhundert“ [29] blieb bis zum Millenium wichtiger, und vielleicht war es erst der 11. September und die nachfolgende Frage nach Deutschlands Rolle in der Welt, die auch die historische Kultur zu ändern begann.

Unter diesen Umständen kam das Problem der Konnektivität und der ihr zugrundeliegenden kulturellen Transfers auf den leisen Sohlen der Regionalgeschichte, der Ostmitteleuropaforschung und der Historiographie-, Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte ins Land, während in Paris längst über „Kulturtransfer und Anthropologie“ unter Einbezug der asiatischen und südamerikanischen Geschichte, in Boston über „cultural encounters and global history“ Tagungen abgehalten wurden.

Das Kolloquium, auf dem dieser Beitrag ursprünglich vorgetragen wurde, zeigte demgegenüber an, dass sich zwischen 2001 und 2004 eine Menge getan hatte und die Kontroverse von 1993 nur noch eine Reminiszenz an ein frühes Stadium der Problemannäherung darstellt.

Parties annexes