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Unbefestigte Seitenstreifen: Portugals langer Weg nach Europa

  • Werner Krauss

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  • Werner Krauss
    University of Texas/Austin

Corps de l’article

1 Einleitung

Bis weit in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stand Portugal mit dem Rücken zu Europa, war sich selbst genug und träumte von einstiger Größe. In Wirklichkeit entpuppte sich dieser Traum als ein blutiger Kolonialkrieg, der erst mit der Nelkenrevolution von 1974 abrupt endete. Nach der fast fünfzigjährigen Diktatur musste sich Portugal als kleines Land am Rande Europas neu erfinden. Nach einer kurzen Zeit, in der alles möglich schien, wurde Portugal 1986 Mitgliedsstaat im Vereinten Europa. Die Hinwendung zu Europa erfolgte kompromisslos und veränderte das Land radikal. In teilweise atemberaubendem Tempo verwandelte sich das von der Diktatur terrorisierte und ländlich geprägte Portugal in einen modernen europäischen Staat. In vielerlei Hinsicht war und ist Portugal ein Musterschüler der Europäischen Union oder deren „gutes Kind“ (Borneman/Fowler 1997: 496). Die Auflagen zur Senkung des notorischen Haushaltsdefizits werden in der Regel eisern eingehalten, und den Preis dieser Radikalkur bekommt die Bevölkerung immer wieder zu spüren. Dennoch hat sich der Lebensstandard in dem einstigen Armenhaus Europas unübersehbar erhöht, auch wenn die Darlehen drücken.

Der Prozess der Hinwendung zu Europa ist keinesfalls einseitig, auch wenn die Metapher vom „guten Kind“ ein Abhängigkeitsverhältnis zum Ausdruck bringt. Portugal hat genauso Europa verändert, wenn auch oft schleichend und wenig beachtet. Gemeinsam mit Spanien erwiesen sich die Südeuropäer als geschickte Diplomaten und harte Verhandlungspartner. Das größte Budget der EU fällt nicht zufällig auf die Strukturhilfemaßnahmen zur Entwicklung benachteiligter Regionen und ländlicher Räume. Milliarden von Euros flossen nach Portugal, und die Schilder am Straßenrand, die Baustellen und Projekte kennzeichnen, tragen überall im Land das europäische Emblem mit magischen Kürzeln wie FEDER oder LEADER. Nicht nur Portugal hat sich Europa zugewandt und verändert, sondern auch Europa ist durch die Aufnahme Portugals ein anderes geworden.

Derzeit ist Europa tatsächlich fest in portugiesischer Hand. Portugal hat turnusmäßig die Ratspräsidentschaft von Deutschland übernommen, und Manuel Barroso ist der Vorsitzende der europäischen Kommission. Premierminister Socrates hat vor allem zwei Ziele benannt: Zum einen obliegt es seiner Ratspräsidentschaft, das schwierige Projekt der europäischen Verfassung endlich unter Dach und Fach zu bringen. Zum anderen setzt er eine spezifisch portugiesische Note, indem er es sich zum Ziel macht, die Beziehungen der EU zu Afrika und Brasilien auszubauen und zu vertiefen. Dieses Anliegen macht deutlich, dass die ehemaligen Kolonien nicht aus dem Blickfeld verschwunden sind, sondern Socrates zufolge versteht sich Portugal als Brücke zwischen Europa und Afrika und überbrückt damit auch die Differenz zwischen der Kolonialgeschichte und der Gegenwart. Portugal erfindet sich neu, aber nicht im luftleeren Raum.

Wie europäisch ist Portugal geworden, und wie hat Portugal die Europäische Union verändert? In meinem Artikel werde ich aus ethnologischer Perspektive diesem doppelten Prozess der Europäisierung nachgehen. Ausgangspunkt sind meine ethnologischen Forschungen in den letzten zwei Jahrzehnten in und über Portugal. An einzelnen Beispielen aus den Bereichen Umwelt, Land- und Forstwirtschaft sowie der Kulturpolitik werde ich diesen Fragen, auf die es naturgemäß keine eindeutigen Antworten gibt, nachgehen. Mein Ziel ist es, zwei verschiedene Ansätze, wie sie derzeit in der im weitesten Sinn kulturwissenschaftlichen Debatte über Europa vorherrschen, miteinander zu verbinden, um einen Einblick in einen fortlaufenden Prozess zu geben. Dies sind auf der einen Seite vor allem politikwissenschaftlich und ökonomisch ausgerichtete Ansätze, auf der anderen eher ethnographisch orientierte.

So hat jüngst der Soziologe Delanty (2005) die Frage danach gestellt, was es bedeutet, europäisch zu sein. Unter Erweiterung des von Habermas vertretenen und von Derrida unterstützten Verfassungspatriotismus plädiert er für eine Art Kosmopolitanismus, der vor allem durch die Distanz zum Eigenen und die Offenheit der Zukunft gekennzeichnet ist. Andere Ansätze wie der von Jeremy Rifkin (2004) wiederum erheben Europa zu einem alternativen Modell zu den USA. Er verändert die Diskurskonstellation Kapitalismus versus Kommunismus aus dem Kalten Krieg und setzt nun den europäischen Wohlfahrtsstaat in Gegensatz zum amerikanischen Neoliberalismus. Solcherart Überlegungen, wie fundiert sie auch immer sie sein mögen, stehen im Zeichen der nach wie vor offenen Frage einer europäischen Verfassung und der nach einer europäischen Identität. Die bürokratische und ökonomische Struktur der EU bringt es mit sich, dass ein Großteil aller Forschungen über die EU in einem Feld zwischen Ökonomie-, Identitäts- und Verfassungsfragen angesiedelt sind. Doch Europa ist auch eine Praxis, die sich ethnographisch erschließen lässt und so eine weitere Dimension in die Forschungen zur EU einbringen kann.

Die Ethnologie wiederum verfügt ebenfalls über eine lange Tradition von Forschungen innerhalb Europas. Anfangs waren dies vor allem Untersuchungen in Dörfern im Mittelmeerraum, mit Betonung der sozialen Strukturen in ländlichen Gebieten. Der Hinwendung zu Nationalstaaten folgte eine neue Generation von Ethnologen, die Europa zum Forschungsthema hatten und nun in Brüssel selbst Forschungen durchführten. „Eurokraten“ und andere europäische Eliten wurden im Hinblick auf die Identitätskonstruktion eines gemeinsamen Europa untersucht. Abelès (2000) prägte das treffende Wort von der EU als einem UFO, das mit rasender Geschwindigkeit ohne Rückspiegel in eine unbestimmte Zukunft fliegt. Auch Shore (2000) und McDonald (1996) kamen zu dem Ergebnis, dass die EU vor allem durch eine rastlose Betriebsamkeit gekennzeichnet ist, die nur selten einen Blick zurück erlaubt. In diesen Untersuchungen wird deutlich, dass es sich bei der EU um keinen Nationalstaat handelt, sondern um eine neue Form von politischer Einheit, in der Ursache und Wirkung zusammen fallen und die vor allem durch den Prozess selbst gekennzeichnet ist. Die EU ist das, was sie tut.

Auch wenn Bornemans und Fowlers Begriff der „Europeanization“ zur Definition des Forschungsfeldes über die EU hinausgeht, so erkennen auch sie an, dass die EU heute als Magnet und Zentrum im Mittelpunkt steht. Europäisierung eröffnet den Blick zurück von Brüssel auf die einzelnen Mitgliedsstaaten und die Regionen sowie auf die Dynamik, der sie heute in einem vereinten Europa unterliegen. Gebiete wie Sport, Sex, Tourismus, Sprache oder nationale Identität, wie Borneman/Fowler vorschlagen, eignen sich vorzüglich zu Falluntersuchungen, um Europäisierung als einen Prozess darzustellen.

Im Spannungsfeld zwischen diesen Ansätzen werde ich am Beispiel Portugals zeigen, dass die EU und die Interaktion zwischen EU und Mitgliedsstaaten vor allem vor Ort erkennbar sind. Auch wenn unklar ist, um was für ein Objekt es sich bei der EU handelt, so hat sie dennoch unübersehbar Spuren in Portugal hinterlassen. Diese europäischen Spuren sind nicht nur ökonomischer Natur und in Form von Statistiken nachlesbar, sondern sie finden sich in der politischen Landschaft wieder, in individuellen Lebensgeschichten, in der Forst- und Landwirtschaft, der Industrie oder der Kulturpolitik. Europa hat eine Geschichte in Portugal, Portugal hat eine europäische Geschichte, und diese verschmelzen in Form von Geschichten und Erzählungen. Es ist die Ebene des ewigen Geplappers der Medien ebenso wie des Klatsches unter Nachbarn, die aktuelle Ereignisse kommentieren und mit vorhergehenden in Verbindung bringen.

Im Folgenden werde ich kurz den Zeitpunkt markieren, an dem Europa massiv in die Geschichte Portugals eintrat, um dann an einzelnen Beispielen zentrale Stationen auf Portugals Weg nach Europa in den letzten zwei Jahrzehnten darzustellen.

2 Portugals Weg nach Europa [1]

Die NATO hatte in der Logik Kalten Krieges keine Skrupel, die portugiesische Diktatur in ihre Kreise aufzunehmen. Der fast fünfzigjährige Alptraum der portugiesischen Diktatur unter Diktator Salazar und seinem Nachfolger Caetano fand erst 1974 in der sogenannten Nelkenrevolution ein Ende. Der faschistische „Estado Novo“ unter Salazar imaginierte Portugal als ein autonomes, landwirtschaftlich geprägtes Land unter paternalistischer Führung. Noch lange nach der Revolution waren Schulbücher zu finden, in denen Portugal als Zentrum eines sich nach Afrika, Amerika und Asien ausdehnenden Weltreichs dargestellt war (Almeida 1991). Der Militärputsch von 1974 setzte dem blutigen und sinnlosen Kolonialkrieg ein Ende und beendete so gleichzeitig die Ära des Kolonialismus, der in Portugal seinen Ausgangspunkt hatte.

Zwischen 1974 und dem Beitritt zur damaligen Europäischen Gemeinschaft im Jahr 1986, zumindest aber in den unmittelbar auf die Revolution folgenden Jahren, schien in Portugal alles und nichts möglich. Das Gespenst des Eurokommunismus ging in Europa um, und in den schnell wechselnden Regierungen wurden alle Optionen durchgespielt. Vor allem im Süden des Landes besetzten die ehemals land- und rechtlosen Landarbeiter das Land der Großgrundbesitzer und starteten mit der Bildung vieler hundert Kommunen ein in Europa einmaliges gesellschaftliches Experiment. Während Kuba und die DDR Traktoren und ideologische Unterstützung boten, sorgten sich die westlichen Kräfte und versuchten letztlich erfolgreich, die portugiesische Politik auf einen „rechten“ Weg zu bringen. Unter dem sozialistischen Ministerpräsidenten Soares und dann dem neoliberal ausgerichteten Ministerpräsidenten Cavaco Silva ging Portugal gemeinsam mit Spanien den Weg in die EU, und dem kollektiven Experiment der landwirtschaftlichen Kooperativen wurde ein Ende gesetzt. Die Großgrundbesitzer kehrten zurück, die Auflagen der EU und die neoliberale Politik Cavaco Silvas zwangen Portugal in einen gesellschaftlichen Wandel in atemberaubendem Tempo.

Die kollektive Erinnerung und die gesellschaftliche Entwicklung gehen nur selten Hand in Hand. Der Beitritt zur EU löste mindestens gemischte Gefühle und Erwartungen aus. Ausländische Investoren, multinationale Konzerne, von Brüssel auferlegte Auflagen in der Haushaltspolitik wirbelten die Verhältnisse durcheinander und produzierten neue Verlierer und Gewinner. Milliarden von Strukturentwicklungsgeldern flossen seitdem mit dem Ziel, Portugal ökonomisch auf europäisches Niveau zu bringen. Dieser Geldstrom fand nicht immer seine Adressaten, und Europa bedeutete auch permanenten Korruptionsverdacht und die Hoffnung, die noch aus Zeiten der Diktatur allmächtige und launische portugiesische Bürokratie in eine dem Bürger dienende Administration zu verwandeln. Barry (2001) wies darauf hin, dass Europa vor allem auch Standardisierung von Produkten und Abläufen bedeutet, was wiederum einen funktionierenden Verwaltungsapparat voraussetzt. Oft genug handelte es sich hierbei um eine Sisyphos-Aufgabe, doch Fortschritte sind unübersehbar, und das Portugal von heute ist in vielem im Vergleich zu früher kaum wiederzuerkennen. Ein gründlicher Skeptizismus ist geblieben: Wir sind Teil Europas, aber wir sind keine Europäer geworden, so der Tenor einer oft geäußerten Selbsteinschätzung nach zwanzig Jahren Mitgliedschaft im vereinten Europa. Doch wo immer auch Europa liegen mag, es hat tiefe (Brand-) Spuren in Portugal hinterlassen.

3 Portugal brennt: Forstpolitik und Europäisierung

Als ich im Jahr 2005 in den frühen Sommermonaten in Lissabon war, verdunkelte sich tagsüber der blaue Himmel mehrfach mit einer dichten Decke aus Rauch. Brandgeruch fand sich in jenem katastrophalen Jahr überall in Portugal, auf manchen langen Autofahrten wurde ich Zeuge gleich mehrerer Brände. Im Fernsehen sah man die Feuerwehrleute in ihrem aussichtslosen Kampf, weinende Menschen, die ohnmächtig zusahen, wie ihr Besitz abbrannte, und hilflose Schuldzuweisungen allerorten. Wie gelähmt starrte ein ganzes Land auf diese fast jährlich wiederkehrende Katastrophe, die das Selbstverständnis schwer erschüttert. Was für ein Fortschritt ist das, der soviel verbrannte Erde hinterlässt? Waldbrände haben eine Geschichte, die ebenso global, europäisch wie auch hausgemacht ist.

Die Weltbank entdeckte und förderte früh einen neuen Rohstoff, mit dem Portugal auf dem internationalen Markt reüssieren konnte: Der Eukalyptus, angepflanzt in Monokulturen, wurde von euphorisierten Politikern zum „grünen Erdöl“ hochstilisiert, und die EU schuf Ausnahmegenehmigungen für die Zellstoffindustrie, die diesen schnell wachsenden Baum in Papierrohmasse umwandelt. Billige Arbeitskraft, reichlich zur Verfügung stehendes (von Kooperativen befreites) Land und eine noch nicht existierende Umweltgesetzgebung machten Portugal zu einem attraktiven Standort. Nationale und internationale Konzerne schufen in von Bulldozern geschaffenen Terrassierungen großflächige Anbaugebiete, in denen das potentielle „grüne Öl“ in Reih und Glied Hektar um Hektar bedeckt.

Schon früh, Ende der achtziger Jahre, machte eine aufkeimende portugiesische Umweltbewegung auf die negativen Folgen von Eukalyptusmonokulturen sowie der Rohstoffverarbeitung aufmerksam. „Erst der Eukalyptus, und dann die Wüste“, so einer ihrer Slogans, die den Eukalyptus als Wasserräuber in einem ohnehin wasserarmen Land brandmarkten. Die Eukalyptisierung, gefördert von Weltbank und später auch der EU, vollzog sich in einem atemberaubenden Tempo. Nicht selten erzählten mir ehemalige Kooperativenmitglieder, dass sie das besetzte Land den Großgrundbesitzern zurückgeben mussten, und dieser verpachtete es sogleich an die Holzkonzerne. Die sich institutionalisierende Umweltbewegung kämpfte mühsam darum, dass zumindest Mindestabstände zu Flüssen und Bächen eingehalten werden, dass Brandschneisen gelegt und die traditionelle Korkeiche, die für Portugals Ökonomie bis heute von großer Bedeutung ist, geschützt werden.

Dennoch sind katastrophale Waldbrände ein alljährlich wiederkehrendes Ereignis. Fast jeden Sommer brennt Portugal, und dies ist beinahe wörtlich zu nehmen. Zehntausende von Hektar stehen alljährlich in Flammen, Dutzende von Menschen kamen zu Tode, und mehr als einmal steht die portugiesische Feuerwehr diesen Höllenszenarien machtlos gegenüber. Was dieses Jahr Griechenland heimsuchte, erlebte Portugal zum Beispiel 2003 und 2005. Es handelt sich hierbei um eine wiederkehrende Katastrophe mit Ansage, die vielerlei Gründe hat. Während meiner Forschung zur Eukalyptisierung des Landkreises Odemira im Südwesten Portugals führte ich viele Interviews mit Waldbesitzern, darunter auch Verwaltern des damaligen nationalen Konzerns Portucel, der sich mit dem schwedischen Konzern Soporcel die Region Alentejo aufteilte. Dabei wurde deutlich, wie die regionale Konzernverwaltung in ihrer Forstpolitik nahtlos die ehemals patriarchalischen Verhältnisse, als landlose Landarbeiter beim Großgrundbesitzer oder seinem Verwalter um Arbeit bitten mussten, in eine neoliberale Gegenwart überführen konnten. Ein Holzkonzern beschäftigt selbst nur ein Minimum an Arbeitern. Den Anbau, die Pflege und die Ernte überlässt er Subunternehmern, die auf eigenes Risiko und eigene Kosten wirtschaften müssen, unter Vertragsauflagen. Diese Situation führt immer wieder zu heftiger Konkurrenz unter Holzhändlern, die aus Konkurrenzgründen wechselseitig Brandstiftung begehen. Die Aufforstungspolitik der großen Konzerne war zugleich alles andere als zimperlich. Auch wenn es nur selten nachgewiesen werden konnte, brannte so manche mit Korkeichen oder Kiefer bestellte Fläche ab, um dann von den Großen auf dem Markt billig aufgekauft zu werden.

Ein weiteres Problem ist die traditionell weitgestreute Besitzstruktur des portugiesischen Waldes, die dazu führt, dass der Kleinforst oft nicht richtig gepflegt und das Unterholz nicht gerodet wird. Die Konzerne übernehmen Privatbesitz gerne in Pacht und versuchen ihn zu großen Flächen zu bündeln; mit Hilfe ihres Kapitals und ihrer Technologie können sie breite Brandschneisen schlagen, die ein Überspringen des Feuers verhindern. Zwischen Waldbesitz und neoliberaler Politik, die lange Zeit ohne Kontrolle und mit manchmal rabiaten Mitteln durchgesetzt wurde, eröffnen sich viele, oft zu viele, mögliche Anlässe für Brandstiftung. Übrig bleibt dann als Verdächtiger nur der Dorftrottel, der mit Streichhölzern spielt, weil er die großen roten Feuerwehrautos kommen sehen möchte. Während die chronisch unterausgestatteten Feuerwehrmänner zu tragischen Helden werden, die in einem oft aussichtslosen Kampf ihr Leben riskieren, ist der Feuer legende Dorftrottel so etwas wie der negative Held, in dem sich die ohnmächtige Bevölkerung angesichts der verheerenden Feuer gespiegelt sieht.

Eukalyptus ist ein globales Problem, und man muss es eine Ironie der Geschichte nennen, dass Aufforstung im Rahmen des Kyoto-Protokolls den globalen Anbau des Eukalyptus als Industrierohstoff noch weiter belohnen wird. Das Jahr 2007 verlief relativ gnädig, die europäische Aufmerksamkeit richtete sich auf Griechenland, wo aus ähnlichen vielfältigen Gründen dieses Jahr die Feuerkatastrophe wütete. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch ein Resultat einer besseren Feuerprävention in Portugal ist. In Bezug auf Forstpolitik bedeutet europäisch werden für Portugal nicht nur, einen konkurrenzfähigen Rohstoff auf den Markt zu bringen, der immerhin 6.5% des jährlichen Bruttosozialprodukts ausmacht, sondern es bedeutete auch lange Zeit, die Kloake Europas als Folge der Herstellung von Papierrohmasse aus Eukalyptus zu sein. Gleichzeitig leistet die EU Unterstützung, um die Waldbrände frühzeitig aufzuklären und unter Kontrolle zu bringen, ebenso wie europäisches Umweltrecht dazu beiträgt, die verarbeitende Industrie durch Umweltauflagen zu zivilisieren. Die Kontrolle der Waldbrände ist so weit mehr als ein technisches Problem, sie betrifft auch unmittelbar das Selbstverständnis der portugiesischen Bevölkerung. Ein portugiesischer Künstler drückte diesen Zwiespalt so aus: Er pflanzte in Lissabon einen Eukalyptusbaum kopfüber ein und platzierte einen Sportwagen auf den in den Himmel ragenden Wurzeln.

4 Landwirtschaft, Tourismus und Umwelt: Nachhaltige Entwicklung?

Nirgendwo traf die Diktatur die Menschen härter als in der Region Alentejo. Einige wenige Großgrundbesitzer besaßen den Großteil des Landes, die Landarbeiter mussten sich als Tagelöhner verdingen und lebten unter unmenschlichen Bedingungen. Nach der Revolution besetzten die Landarbeiter das Land und gründeten hunderte von Kooperativen. „A terra a quem a trabalha“ (das Land denen, die es bearbeiten) wurde zur Parole der Selbstermächtigung und zum Symbol des nachrevolutionären Portugal. Das Scheitern der Agrarreform mag viele Gründe haben, doch war die Rückgabe des besetzten Landes eine der Bedingungen für die Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft. Die Arbeiter mussten das Land an die Großgrundbesitzer zurückgeben und fanden sich als freie Arbeitskräfte auf einem nun europäischen Markt wieder. Der Wettbewerbsvorteil der Region bestand vor allem darin, dass hier für in- und ausländische Investoren billiges Land und billige Arbeitskraft zu finden waren.

Mein Forschungsgebiet, der Landkreis Odemira, gehört zu den flächenmäßig größten und lange Zeit ärmsten Landkreisen innerhalb der EU. Im Inneren des Landkreis verpachteten oder verkauften viele der zurückgekehrten Großgrundbesitzer ihr Land an die Eukalyptuskonzerne, während in der Küstenzone Tourismusinvestoren und vor allem ausländische Agrarinvestoren Schlange standen. Der ganze Druck der Europäisierung, wenn nicht der Globalisierung, massiert sich in solchen abgelegenen Regionen und nicht zuletzt auf den Schultern von Bürgermeistern oder Kreispräsidenten.

Zu Beginn der neunziger Jahre regierte im Landkreis Odemira ein charismatischer Kreispräsident, der nach der Revolution in diese Region gekommen war, um den völlig verarmten Menschen als Arzt zu helfen. In ganz Portugal populär, regierte er mehrere Amtsperioden lang, in denen er sich von einem Vertreter der kommunistischen Partei Portugals in einen moderaten „Revisionisten“ verwandelte. Die KP Portugals war weit über 1989 hinaus eine stalinistische Partei, die rigoros Gorbatschows Weg (und oft genug auch die EU) ablehnte. Der Kreispräsident von Odemira hingegen war einer Vielzahl komplexer Entscheidungen ausgesetzt, die ihn von der strengen Parteilinie ab- und der EU näherbrachten. Im Gegensatz zu vielen seiner kommunistischen Amtskollegen holte er viele Strukturförderungen nach Odemira.

Zwiespältige Situationen waren die Regel für den Kreispräsidenten. So setzte er sich mit großem Einsatz dafür ein, dass der Küstenstreifen des Landkreises zu einer geschützten Landschaft (und später zu einem Naturpark) erklärt wurde. Der Druck der Tourismusindustrie, diesen letzten noch weitgehend unverbauten Küstenstreifen mit Tourismuskomplexen zu verbauen, war gewaltig. Doch nach Einrichtung des Schutzgebietes wurde der Präsident zu einem erbitterter Kritiker des Schutzgebietes: Er sah das Versprechen auf nachhaltige Entwicklung nicht eingelöst, da immer alles nur verboten würde von dessen Verwaltung. „Wir wollen nicht in einem Indianerreservat leben“ wurde zu seiner Parole, mit der er gegen die Einschränkungen der einheimischen Kleinbauern durch den Naturpark protestierte.

In einen Zwiespalt auch ideologischer Natur kam er, als sich ein landwirtschaftlicher Großinvestor an der Küste niederließ, um dort eine industrielle Agrarproduktion für den europäischen Markt aufzuziehen, mitten im Naturschutzgebiet (und auf ehemaligem Kooperativenland). Doch als Präsident des Landkreises sah er es als seine Pflicht an, den Investoren zu halten und ihm Unterstützung zu gewähren. Die Geschichte dieses Unternehmens gibt einen guten Einblick in die Art, wie Europa Einzug in diese Region hielt, und wie widersprüchlich, dramatisch und letztlich manchmal auch einfach spektakulär dieser Prozess vor sich ging. Der Investor war ein international bekannter Playboy namens Thierry Roussel aus Frankreich, der sich vor allem durch seine Heirat mit der Tochter des griechischen Tankerkönigs Onassis einen Namen gemacht hatte. Nach dem tragischen Tod von Christina Onassis wurde Roussel zum Verwalter des Vermögens seiner Tochter, die durch das Erbe zum reichsten Kind der Welt, wie die Boulevardpresse es nannte, geworden war. Um seinem Leben einen Sinn zu verleihen, so sagte er uns im Interview, wollte er in Portugal ein ökologisches landwirtschaftliches Unternehmen aufziehen und damit auch der Region neue Entwicklungsmöglichkeiten bieten.

Der Präsident von Odemira riskierte alles und gewährte Unterstützung, und der Betrieb beschäftigte in seinen besten Zeiten über 600 Arbeitskräfte. Für die Verwaltung des Naturschutzgebietes, die konsequent Eingriffe der einheimischen Bevölkerung in die Landschaft ablehnte, war dieses Unternehmen ein Stachel im Fleisch und musste es doch weitgehend tatenlos gewähren lassen. Es widersprach in mehr als einem Aspekt der Gesetzgebung des Naturparks, doch dieser wiederum unterstand einem neu gegründeten Umweltministerium, das sich gegen die klassischen Ministerien in solchen Fragen lange nicht durchsetzen konnte. Größere Interessen würden hier eine Rolle spielen und ihm die Hände binden, so der Direktor des Schutzgebietes. Er könne nur langfristig auf die tatsächliche Umsetzung internationaler Abkommen und von EU-Umweltrichtlinien hoffen. Seine stärkste Waffe waren Biologen, die geschützte Spezies ausfindig machten und dadurch den Schutzstatus langfristig verstärkten.

Das Unternehmen, das Erdbeeren und andere Früchte für den europäischen Markt produzierte, kam schnell in finanzielle Schwierigkeiten, Löhne wurden verspätet ausgezahlt, eine Dürre sorgte für Ernteausfall, und überall machten Gerüchte die Runde, dass es sich hierbei nur um eine Geldwaschanlage handele, dass Drogenschmuggel verdeckt werden solle, dass Roussell Subventionsbetrug begehe und vieles mehr. Die Aufregung war groß, der Klatsch blühte. Roussell selbst sagte, dass die europäischen Subventionen nur einen kleinen Teil seiner Kosten abdeckten, und er klagte die portugiesische Bürokratie und den portugiesischen Staat an, dass diese die Subventionen absichtlich zurückhielten, um selbst davon zu profitieren. Er wisse, dass sie von Brüssel nach Lissabon ausgezahlt worden seien, dort aber nicht in die Region weitergeleitet würden. Dies wiederum mache ihm das Wirtschaften schwierig. Zu den Vorwürfen, dass er sich nicht an Umweltauflagen halte, sagte er unisono mit dem Präsidenten von Odemira, dass es ebenfalls die Aufgabe des portugiesischen Staates sei, die Einhaltung der Auflagen zu kontrollieren: er sei gerne zu Gesprächen bereit und plane zudem, ein europäisches Ökolabel zu schaffen. Kontrolliert wurde er nicht, im Gegenteil: Hochrangige Politiker reichten sich bei ihm die Klinke in die Hand, um sich mit ihm zu fotografieren lassen und so für ein fortschrittliches Portugal zu werben.

Das Ende der Geschichte ist schnell erzählt. Roussell hatte sich offensichtlich verkalkuliert, fuhr hohe Verluste ein und konnte die Löhne nicht mehr bezahlen. Er verließ Hals über Kopf und bei Nacht in seinem Privatflugzeug Portugal und ward dort nicht mehr gesehen. Er hinterließ Lohnschulden bei den Arbeitern und ein ökologisches Desaster mitten im Naturpark, einen beschädigten Kreispräsidenten und eine aufgebrachte Bevölkerung, die sich wieder einmal darin bestätigt fühlte, auch in einem gemeinsamen Europa nur als rechtlose und billige Arbeitskraft und Spielball größerer Interessen zu dienen.

Im Windschatten dieses Betriebes haben sich andere internationale Unternehmen angesiedelt, die offensichtlich besser wirtschaften und eine Art Burgfrieden mit dem Naturpark geschlossen haben. Es handelte sich bei Roussell sicherlich um einen spektakulären Einzelfall, an dem sich gleichwohl, auch für die öffentliche Meinung, typische Konfliktstrukturen ablesen lassen.

Die Förderung strukturschwacher Regionen durch die EU veränderte Portugal grundlegend. Dabei war ein klares Gefälle festzustellen: Die Söhne der früheren Großgrundbesitzer hatten hinsichtlich der EU einen klaren Wettbewerbsvorteil, da sie lesen und schreiben konnten (im Gegensatz zu vielen Kleinbauern) und es verstanden, die komplizierten Anträge auszufüllen und die jeweiligen Schwankungen auf dem Agrarmarkt einzuplanen. Wenn die EU den Anbau von Sonnenblumen förderte, bauten sie Sonnenblumen an, auch wenn weit und breit keine verarbeitende Industrie zu finden war. Wenn Einzäunung landwirtschaftlicher Betriebe gefördert wurde, wurde eingezäunt, auch wenn dadurch das Gewohnheitsrecht verletzt wurde. „No trespassing“ Schilder waren eine Nebenerscheinung dieser Maßnahme und erregten den Volkszorn. Gerüchte machten wie immer die Runde, Korruptionsverdacht allerorten: „Where the Jeeps come from: narratives of corruption“ lautet der Titel einer Untersuchung von Dracklé (2005) über die gesellschaftliche Dynamik des Korruptionsvorwurfs in unsicheren Zeiten. Die Krise (und ihre Beschwörung), so Dracklé (2007), erweist sich als die einzige Konstante in Zeiten permanenten Wandels.

In einer solchen Situation liegt die ganze Last auf der Lokalpolitik, den Kreispräsidenten und Bürgermeistern mit ihrer oft nur mangelhaft ausgestatteten Administration. Neoliberale oder nachhaltige Entwicklung, so der Kreispräsident, das sei ihm egal, was das Volk brauche, sei überhaupt irgendeine Entwicklung. Seine politische Gratwanderung lag oft nahe am Rand zum Populismus, der in vielen strukturschwachen Regionen mit der Europäisierung zur Blüte kommt. Es sind einzelne Personen, die rhetorisch und politisch den Übergang von einer oft mythisch verklärten Vergangenheit in eine unbestimmte (europäische) Zukunft in die Wege leiten und kanalisieren müssen. Europa findet vor allem an solchen Orten statt, von denen die Öffentlichkeit nur selten erfährt. Der Umbruch ist oft gewaltig, und die Geschichte des Agrarunternehmens, das einst angetreten war, um eine Region zu entwickeln und so jämmerlich scheiterte, ist kein Einzelfall. Es sind die Menschen vor Ort, die ihr Leben in solchen Unwägbarkeiten manövrieren müssen und die in Europa sowohl eine Chance als auch einen Fluch sehen, meistens beides zugleich. Der große Glanz, den Europa auch bringen kann, ist nur selten in den peripheren Regionen zu finden, sondern er strahlt aus der Metropole im zentralistischen Portugal.

5 Der Blick nach Europa: Identität als Event

Lissabon war 1994 europäische Kulturhauptstadt, 1998 richtete es die Weltausstellung EXPO aus, und Portugal war 2002 Ausrichter der Fußballeuropameisterschaft. Es sind solche Großereignisse, die oft sprunghaft Entwicklungsschübe in Szene setzen, deutliche Verbesserungen der Infrastrukturen mit sich bringen und architektonische Zeichen setzen. Trotz aller Unkenrufe verzeichneten gerade diese Events spektakuläre Erfolge. Bei aller Unterschiedlichkeit der Ereignisse inszenierte Portugal sich als weltoffenes und gastfreundliches Land, das seinen Blick nach Europa richtet.

Das herausragende Ereignis war die EXPO 98, die mit der 500-Jahrfeier der Entdeckung der Seeroute nach Indien durch Vasco da Gama zusammenfiel. Sieber (2001) zeigt in seiner ethnologisch fundierten Kritik der EXPO minutiös auf, wie gerade dieses Ereignis den Prozess der Nationenbildung im gegenwärtigen Portugal verkörperte. Der doppelte Brückenschlag zwischen Portugal und Europa einerseits, andererseits aber zwischen der kolonialen Vergangenheit und dem gegenwärtigen Portugal war die symbolische Botschaft der EXPO, die den Titel „Der Ozean, ein Erbe für die Zukunft“ trug. Das Zeitalter der Entdeckungen ist in Lissabon (und Portugal) omnipräsent, überall finden sich die Namen der Entdecker oder der Kolonien. Das heikle Erbe erinnert an die einstige Größe, aber auch an die Verklärung in Zeiten der Diktatur Salazars. Der Fokus der Weltausstellung griff zum einen das postkoloniale Erbe auf, indem die Ozeane thematisiert wurden, vermied es aber zum anderen, allzu direkten Bezug auf die portugiesischen Entdecker zu nehmen. Vielmehr standen die Ozeane, die Frage der Ökologie und der wissenschaftliche und technische Fortschritt im Zentrum. Die Initiatoren wählten geschickt einen Weg, der Portugal als ein modernes europäisches Land zeigte und allzu direkte Anspielungen auf die einstige Größe vermied. Doch zugleich waren Vasco da Gama und die Entdeckungen in Lissabon und Portugal überall präsent, wie Siebert (2001: 555) eindrucksvoll zeigt: Sei es in Form der eigens für die EXPO gebauten neuen Brücke über den Tejo mit dem Namen „Vasco da Gama“, sei es in den Bezeichnungen der Straßen in der Shopping Mall „Colombo“ oder auf den Kanaldeckeln in Lissabon - die Karavelle ist ein nicht zu übersehendes Symbol, dem man in Portugal nirgends entgehen kann.

Die Inszenierung einer postkolonialen Identität ist ein heikles Thema, das in Portugal eine große Debatte auslöste. Die ehemaligen Kolonien, so lautete die Kritik, wurden ein zweites Mal gedemütigt, indem sie nicht genügend repräsentiert wurden; das Drittel der portugiesischen Bevölkerung, das im Ausland lebt, wurde weitgehend ignoriert, und diejenigen, die aus den Kolonien nach Portugal gekommen waren, fanden nur am Rand der EXPO ihren Platz (Siebert 2001: 260ff.). Der Weltoffenheit, die die EXPO repräsentierte, stand in den Augen ihrer Kritiker das Ankommen in der „Festung Europa“ gegenüber, das sich nach außen abschottet. Die Intention jedenfalls war klar: Stand Portugal einst mit dem Rücken zu Europa, so sollte die EXPO eine Drehung um 180 Grad erlauben, ohne die eigene Vergangenheit aus dem Gesichtsfeld zu verlieren. Ob dies erfolgreich gelungen ist, ist eine umstrittene Frage. Es gab viele Möglichkeiten, die Zeichen dieser Ausstellung zu interpretieren, doch ohne Zweifel verzeichnete sie einen großen publizistischen Erfolg.

Die produktiven Nebeneffekte eines solchen Großereignisses sind wiederum zum Beispiel sieben neue U-Bahnstationen in Lissabon, eine neue Brücke über den Tejo, die Neugestaltung der Lissabonner Docklands oder die Renovierung der Lissabonner Altstadt. Die Fußballeuropameisterschaft zwei Jahre später löste ebenfalls einen Boom aus, der zumindest kurzfristig viele Arbeitsplätze und langfristig eine Aufwertung Portugals als Tourismusland mit sich brachte. Die portugiesische Mannschaft spielte erfolgreich und gewohnt dramatisch mit, um am Ende Zweiter zu werden. Vor allem aber setzte sich der Event-Charakter solcher Großereignisse durch: Portugal inszenierte sich selbst und bezog gleichzeitig alle anderen Nationen in dieses Fußballfest mit ein. Die neugebauten Stadien erwiesen sich als architektonische Schmuckstücke, wobei deren Finanzierung manche Region in die Verschuldung trieb. Großereignisse sind ökonomische Abenteuer und symbolische Ressourcen, die im positiven Fall den Spagat zwischen postkolonialem Nationalstolz und Hinwendung nach Europa erfolgreich in Szene setzten und im Idealfall die Modernisierung der Infrastrukturen bewirken.

Sloterdijk nannte in seinem Buch Der Weltinnenraum des Kapitalismus (2005) die Nelkenrevolution von 1974 das Ende des Kolonialismus und zugleich auch das Ende der Geschichte. Gleichzeitig verwandeln sich Nationen im Zuge von Globalisierung und Europäisierung in Museen, in denen die Besucher staunend ihre eigene Kultur betrachten. Der Grat zwischen einem Verherrlichen der eigenen Größe und einer solchen distanzierten Haltung zur eigenen Kultur ist bekanntlich schmal. Die Neuerfindung als kleines Land im vereinten Europa ist ein solcher Balanceakt, der oft beim Betrachter einen leichten Schwindel hervorruft. Doch wie die derzeitige Ratspräsidentschaft Portugals zeigt, führt der Weg Portugals nach Europa, und, wenn alles nach Plan verläuft, führt Portugal Europa ökonomisch und als Modell enger an Afrika und Brasilien heran.

6 Unbefestigte Seitenstreifen

Auf dem Grabstein des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa steht: „Kommt mir nicht mit Schlussfolgerungen! Die einzige Schlussfolgerung ist es, zu sterben.“ Der Prozess Europa ist gekennzeichnet durch seine historische Unbestimmtheit und seine Ruhelosigkeit. In Europa kommt man niemals an, und der Weg dorthin ist lang. Europa entpuppt sich als ein fortlaufendes Gespräch, das der unruhigen Bewegung eine Richtung verleiht. Selbst im Alentejo, wo die Europäisierung sich manches Mal am unerbittlichsten als neoliberale Kolonialisierung zeigte, ist der Begriff Europa immer wieder auch mit der Hoffnung auf Demokratisierung, eine verlässliche Administration und als Schutz vor Willkür konnotiert. Europa erscheint hier zwiespältig, unvermeidlich und doch auch als Aufforderung.

Es finden sich unzählige solcher Beispiele, wo Europa als das positive Andere, das zu erreichen ist, dargestellt wird. Bei meinem letzten Portugalaufenthalt in Lissabon bestellte ich bei der größten portugiesischen Telefongesellschaft ein Telefon und Internetanschluss. Alles lief reibungslos, bis von mir die Nummer meines Reisepasses verlangt wurde, weil ich Ausländer sei. Ich hatte aber keinen Reisepass bei mir, da ich als europäischer Bürger mit meinem Personalausweis innerhalb der EU reisen kann. Ratlos wandte ich mich an einen portugiesischen Kollegen, der sogleich zum Telefonhörer griff und einen Vorgesetzten verlangte. In sichtlich erregtem Ton wies er diesen darauf hin, dass solche Forderungen in einem vereinten Europa untragbar wären und gegen geltendes Recht verstießen. Am nächsten Tag hatte ich anstandslos meinen Anschluss (den ich als Ausländer sonst nie bekommen hätte).

Ein anderer Kollege aus der Ethnologie hatte auf der Heimfahrt von einem Sonntagsausflug mit seiner Familie einen schrecklichen Autounfall. Fassungslos zog er, selbst verletzt, sein blutverschmiertes totes Kind aus dem Auto. Portugal führte jahrelang die Statistik der Verkehrstoten in Europa an, und mein Kollege war keinesfalls gewillt, den Tod seines Kindes als Schicksal zu betrachten. Er veröffentlichte in einer Zeitung einen detaillierten Bericht von dem Unfall und schloss mit der Frage, wer hier anzuklagen sei.

Trunkenheit am Steuer ist eines der notorischen Probleme in Portugal, wo das gemeinsame Essen mit der Verwandtschaft zum sonntäglichen Ritual gehört, ebenso wie der dazugehörige Genuss von Alkohol. Während meiner Forschung in Odemira kam es wiederholt vor, dass ganze Familien in Verkehrsunfällen ausgelöscht wurden, auch auf schnurgeraden Straßen. Der Ausbau der Straßen ist zumeist von der EU mitfinanziert, aber für die Seitenstreifen reicht es oft nicht mehr (oder niemand hat daran gedacht), was das Unfallrisiko enorm erhöht. „Bermas beixas“, unbefestigte Seitenstreifen, steht auf den Warnschildern, oft vergeblich. Mein Kollege schritt zur Tat und gestaltete in Protestaktionen unter anderem ein portugiesisches Kriegerdenkmal in ein Denkmal zum Gedenken an die Verkehrstoten um, er startete gemeinsam Aktionen mit der Presse und engagierte sich schließlich in der Politik. Für ihn gibt es keinen Grund, die Statistik der Verkehrstoten in Europa anzuführen.

Im Jahr 2005 veröffentlichte der portugiesische Philosoph Jose Gil ein Buch mit dem Titel Portugal heute. Die Angst zu existieren. In einem furiosen Rundumschlag setzt er Europa als Gegenpunkt zu seiner Kritik am portugiesischen Alltagsverhalten. Der Tenor seines Buches ist, dass die Portugiesen sich dem Wandel nicht aktiv stellen, sondern sich in einer Art kollektiven Unverantwortlichkeit verlieren. Handwerker arbeiten schlecht, Verabredungen werden nicht eingehalten, etwas geht kaputt und wird nicht repariert, Korruptionsfälle sind notorisch und werden niemals aufgeklärt: Die Liste der Beschwerden ist endlos, der Kommentar der Betroffenen immer derselbe: „É a vida“, so ist das Leben. Geschichte wird als Trauma erlebt und verdrängt, so Gil, sie findet keine Gelegenheit, sich einzuschreiben. Alle ziehen sich in den Kreis der Familie zurück, in die ewige Wiederkehr des immer selben, niemand schreitet zur Tat und übernimmt Verantwortung für seine Handlungen. Mit dieser polemischen Kritik an seinen Landsleuten entwirft Gil zugleich auch den europäischen Staatsbürger, der aktiv Geschichte gestaltet, Verantwortung übernimmt und die Realität wahrnimmt.

Es lassen sich endlos solche Beispiele finden. Die immer leidenschaftlich geführte Diskussion darüber, was portugiesisch ist, kommt nicht ohne den Vergleich mit einem wie auch immer gearteten „Europa“ aus. Die Frage ist nicht mehr, ob Europa oder nicht, sondern es ist die Frage nach der Rolle Portugals in der Gestaltung Europas, die hier diskutiert wird. Europa ist ein Prozess, der sich alternativlos vollzieht und Spuren hinterlassen hat.

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